12 Experten aus aller Welt äußern sich in diesem Bericht zum Patentsystem und zu geistigem Eigentum allgemein. Das Europäische Patentamt (EPA) hat in den vergangenen drei Jahren weit über 100 Vordenker aus Wirtschaft, Gesellschaft, verwaltung und Politik nach ihrer Meinung zur Zukunft von geistigem Eigentum gefragt. Deren Ansichten und Meinungen waren die wichtigsten Bausteine für die Erarbeitung von vier Szenarien, wie die Verhältnisse und Herausforderungen im Jahr 2025 aussehen könnten.
„Es gilt, das gesamte philosophische Fundament des geistigen Eigentums zu überdenken. Geistiges Eigentum ist keine Naturgegebenheit, es braucht eine argumentative Untermauerung. Rechte an geistigem Eigentum sind eigentlich Vorrechte, keine Rechte."
„Viele Patente sind heute rein defensiv ausgerichtet; im Interesse des Technologietransfers sollte im Patentwesen aber nicht auf eine defensive, sondern auf eine proaktive Linie gesetzt werden."
„Es gibt kein Zurück. Der Geist ist aus der Flasche. Das Internet ist ein fantastisches Instrument, das die Teilhabe am Wissen zum Normalfall macht. So etwas hat es zumindest in dieser Größenordnung nie zuvor gegeben. Gerade das Internet weckt in uns grundsätzliche Zweifel am bestehenden System des geistigen Eigentums."
„Wenn man dem System des geistigen Eigentums diese ganze Last aufbürdet, entsteht der Eindruck, dass geistiges Eigentum als solches viel mehr kann als durch Anreize und Lohn den geschäftlichen Umgang mit Wissen zu fördern; de facto wird es nun zum ethischen Richter, zum Schiedsrichter in Fragen der moralischen Entwicklung."
„Unserer Auffassung nach wird jedes Land, das sich - als Agrar- oder Industriegesellschaft - in den Randbereichen der Weltwirtschaft derzeit noch behauptet, bald nicht mehr für die Bedürfnisse seiner Bevölkerung sorgen können, wenn es nicht den Übergang zu einer wissensbasierten Wirtschaft vollzieht."
„Ein möglicher Lösungsweg wäre, Innovationen zu fördern und gute Arbeit zu belohnen, ohne dafür unbedingt das System des geistigen Eigentums zu nutzen, denn dieses mag vielleicht nicht immer das richtige Belohnungssystem sein."
„Die Frage ist, ob sich geistiges Eigentum vereinbaren lässt mit einem Geschäftsmodell ohne Interessenkonflikt zwischen dem Unternehmen einerseits und dem Verbraucher andererseits, der zwar nicht zu viel bezahlen möchte, aber durchaus zahlungswillig ist, wenn die vom Unternehmen angebotene Ware der Fairness entspricht."
„Es ist konzeptionell etwas anderes, ob man Patente nur erteilt, um Investitionen anzukurbeln, oder ob man Patente erteilt,
um Innovationen zu fördern."
„Exzessive Patenterteilung kann die gemeinfreie, offene Wissenschaft gefährden und den freien Austausch von Wissen und Material beeinträchtigen, der doch für die Weiterentwicklung der Wissenschaft notwendig ist."
„Die Patentierbarkeit von Lebensformen, d. h. der Gedanke, dass Patente auf Leben erteilt werden dürfen, hat ethische Empörung ausgelöst. Das Leben wurde nicht erfunden, daher ist die Beanspruchung von Monopolrechten auf Leben unethisch, und diese ethische Thematik findet nun Ausdruck in rechtlichen Fragen."
„Ich bin nicht überzeugt, dass Europa seine Bringschuld in Sachen geistiges Eigentum und Lissabonner Agenda erfüllt. Die meisten Politiker begegnen dem geistigen Eigentum mit Unverständnis, ja sogar Ablehnung."
„Das Patentsystem muss unbedingt transparenter werden. Mit viel Aufklärungs- und Überzeugungsarbeit muss den Menschen, d. h. den unterschiedlichsten Gruppierungen, vermittelt werden, was das Patentsystem ausmacht
und weshalb es so konzipiert ist."
Alle Aussagen dieser und anderer Experten sowie die verschiedenen Szenarienwelten mit ihren Risiken und Chancen sind in dem Kompendium „Scenarios for the Future" zusammengefasst, das über die Website des EPA kostenlos erhältlich ist: www.epo.org/scenarios