Professor Marc Feldmann (Großbritannien)

Erfinder des Jahres 2007 in der Kategorie "Lebenswerk" 

Marc Feldmann

Der Kampf im Körper

Bei Autoimmunerkrankungen kämpft das Immunsystem des Körpers einen aussichtslosen Kampf gegen sich selbst. Ein revolutionierender Durchbruch zur Beendigung dieses Kampfes gelang in den 1990-er Jahren, als Professor Marc Feldmann aus Großbritannien den Prozess identifizierte, der hier auf molekularer Ebene stattfand. Dabei entwickelte er eine Behandlung, die Millionen von Patienten rund um den Globus hilft.

Wissenschafter rätselten lange über die Reaktionen des Körpers in Bezug auf Autoimmunkrankheiten. Wie kam es, dass das Immunsystem des Körpers sich gegen sich selbst richtet, gesunde Zellen schädigt und dabei Entzündungen verursacht? Und bei chronischen Krankheiten wie rheumatoider Arthritis: Warum waren diese Entzündungen so schwer in den Griff zu bekommen? Und warum treten die Entzündungen selbst nach einem Erfolg im gesamten Körper wieder auf wie die nachwachsenden Köpfe der grausamen mythischen Hydra?

Ein wesentlicher Durchbruch beim Verständnis der Autoimmunkrankheiten wurde schließlich Anfang der 1990-er Jahre erzielt, als der Immunologe Marc Feldmann vom Kennedy Institute in London, England, entdeckte, dass der Schlüssel zu allem in den Molekülen lag, die für die Zellkommunikation verantwortlich sind - den Zytokinen.

Zytokine werden gewöhnlich von erkrankten Zellen abgegeben, um das Immunsystem zu warnen und zu einer Gegenreaktion zu veranlassen. Feldmann entdeckte bei Autoimmunkrankheiten ein erhöhtes Zytokinaufkommen auch im Bereich ansonsten gesunder Zellen. Dies erklärte die aggressive Reaktion des Körpers im Umfeld arthritischer Entzündungen im Gelenkbereich von Patienten.

Nachdem der Feind erkannt war, gingen Feldmann und seine Kollegen auf die Suche nach einem Gegenmittel. Die Idee war folgende: Wenn die für eine pathologische Immunreaktion verantwortlichen Moleküle identifiziert und anschließend geblockt werden, dann gab es einen Weg zur Unterdrückung der Entzündung.

Bei der Analyse von entzündetem Gewebe von Patienten mit rheumatoider Arthritis erkannten Feldmann und sein Team, dass nicht nur eine Art - sondern tatsächlich verschiedene Arten - von Zytokinen entzündliche Reaktionen bei rheumatoider Arthritis auslösen.

Sprunghafte Fortschritte

Benötigt wurde eine Behandlung, mit der mehrere Fliegen - bzw. Zytokine - auf einen Streich getötet werden konnten. Dieses Ziel war 1991 beinahe erreicht, als sich bei Versuchen an humanoiden Mäusen herausstellte, dass alle unterschiedlichen Zytokine gestoppt werden konnten, indem eine einzige Art blockiert wurde - nämlich Tumor-Nekrose-Faktor-(TNF-)α. Die Versuchstiere im Labor wurden mit TNF-α-Antikörpern behandelt, welche sich als wirksam erwiesen und die Produktion aller an der Entzündung beteiligten Zytokine blockierten. Mit Antikörpern für TNF (sprich „T.N.F.-Alpha") hatten die Forscher das von ihnen erhoffte Universalmittel gefunden.

Die Anpassung des Verfahrens für den Einsatz beim Menschen wurde im Jahre 1992 möglich, als Feldmann am Kennedy Institute die erste erfolgreiche Versuchsreihe mit an rheumatoider Arthritis erkrankten Patienten durchführte. Während der Versuche erhielten Patienten einen TNF--spezifischen monoklonalen Antikörper namens cA2, der später als Infliximab registriert wurde. Die gesundheitlichen Fortschritte der Patienten waren so gewaltig, dass selbst das Pflegepersonal auf den ersten Blick erkennen konnte, welchen Patienten ein Placebo verabreicht worden war und welche Patienten mit TNF--Blockern behandelt worden waren.

Feldmann, der heute 62 Jahre alt ist, patentierte das Verfahren im Jahr 1995 und seine bahnbrechenden Fortschritte haben in der klinischen Praxis zu zahlreichen neuen Arzneimitteln für rheumatoide Arthritis durch Blockierung von TNF- geführt. Seither sind TNF--Inhibitoren erste therapeutische Wahl zum Stoppen entzündlicher und gewebezerstörender Prozesse bei rheumatoider Arthritis und anderen Autoimmunkrankheiten. Millionen Patienten in aller Welt wurden auf dieser Grundlage erfolgreich behandelt.

Mit Blick zurück sagt Professor Feldmann, dass er froh ist über seine damalige Entscheidung, Labormedizin in London zu studieren und kein Doktorstudium am Walter and Eliza Hall Institute in Melbourne aufzunehmen - eine Alternative, die er hatte, ehe er sein Studium in London begann. Feldmann verfolgte diesen Weg trotz der Widerstände seines Vaters, der ihm vorwarf, dass er den Patienten nicht mehr unmittelbar helfen wolle. Feldmanns Antwort war, dass er Tausenden von Menschen helfen könne statt nur jeweils einem Patienten, wenn seine Forschung zum Erfolg führte.

Und ganz sicher: Feldmanns Traum sollte wahr werden.

Die Wissenschaft ist sich einig darüber, dass Professor Feldmanns Erkenntnisse über die Rolle der Zytokine bei Autoimmunkrankheiten vollkommen revolutionär sind. Der Wissenschaftler, der heute 62 Jahre alt ist, hat im Alleingang effektiv geforscht und neue therapeutische Behandlungen ermöglicht - ein Auftrag, den der Autor von 600 Forschungsartikeln als Leiter der Abteilung Zelluläre Immunologie und der Fakultät Rheumatologie des Kennedy Institute am Imperial College London weiter engagiert wahrnimmt.

Bis heute legt Feldmann sein Hauptaugenmerk auf die realen Anwendungsmöglichkeiten seiner Arbeit, was etwa 90 auf seinen Namen lautende Patente bezeugen. „Gerade jetzt ist meine Arbeit langfristig darauf ausgerichtet, die Entwicklung neuer Therapien, das so genannte ‚Translational-Research' zu unterstützen, und das läuft über enge Beziehungen mit verschiedenen Pharma- und Biotech-Unternehmen."

FUNKTIONSWEISE

Bei Autoimmunerkrankungen richtet sich das menschliche Immunsystem gegen sich selbst. Wissenschaftler hegten lange den Verdacht, dass diese Reaktion durch eine Art Signalmolekül ausgelöst wird, das die Kommunikation zwischen den Zellen gewährleistet. Der Verdacht richtete sich vor allem gegen Zytokine, da Paralleluntersuchungen Anfang der 1980-er Jahre darauf schließen ließen, dass bei Autoimmunkrankheiten humane Leukozytenantigen-Moleküle an der Oberfläche ansonsten gesunder Zellen vorliegen - wodurch diese zum Angriffspunkt des Immunsystems werden.

Feldmann und seine Kollegen untersuchten im Labor Zytokine in menschlichem Krankheitsgewebe, das sie Patienten entnommen hatten, die an rheumatoider Arthritis leiden. Die aus dem Humangewebe geklonten cDNAs dieser Zytokine wurden anschließend einer mRNA-Analyse unterzogen. Das führte zur Entdeckung von TNF als hauptsächliches pro-entzündliches Zytokin, welches die erhöhte Produktion des als IL-1 klassifizierten Zytokins auslöste. In logischer Schlussfolgerung suchte Feldmann in seiner Forschung gezielt nach einem „Hauptregulator" für TNF, nach einer so genannten TNF-abhängigen Zytokin-Kaskade.

Bei der Behandlung von TNF mit Antikörpern wie Infliximab oder Remicade fanden Feldmann und sein Team heraus, dass die Blockierung von TNF auch eine Reihe anderer entzündlicher Zytokine stoppte, die an rheumatoider Arthritis beteiligt sind, wie IL-6 und IL-8.

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