Arznei, die Tumore "aushungern" kann

Finalist in der Kategorie Außereuropäische Staaten beim "European Inventor 2010"

Neue Arzneimittel mit sogenannten Anti-VEGF-Antikörpern ermöglichen heute einen hochpräzisen Therapieansatz, bei dem die Blutversorgung von Krebsgeschwüren unterbrochen wird. Grundlage ist eine Innovation des amerikanischen Pharmakonzerns Genentech, die von Napoleone Ferrara angestoßen und 2004 von den Forschern Manuel Baca, James Wells, Leonard Presta, Henry Lowman und Yvonne Chen optimiert wurde.

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Interview

Interview transcript

Auf einen Blick

Erfinder: Napoleone Ferrara und sein Team, USA

Erfindung: Anti-VEGF-Antikörper

Sektor: Pharmazeutika

Unternehmen: Genentech, Inc.

Krebs ist nach wie vor die zweithäufigste Todesursache in Europa. Jedes Jahr werden hier 3,2 Millionen Menschen mit der Diagnose Krebs konfrontiert, und diese Zahl dürfte angesichts der zunehmenden Alterung der Gesellschaft weiter steigen.

Ein völlig neuer Ansatz der Krebsbehandlung zeichnete sich ab, als Forscher die Signalproteine identifizierten, durch die Tumore an das Blutgefäßsystem des Körpers andocken. Diese Proteine lassen sich mit sogenannten Anti-VEGF-Antikörpern unterdrücken, was schließlich dazu führt, dass die Tumore von der Blutzufuhr abgeschnitten werden. 

Anti-VEGF-Antikörper sind auch in Avastin enthalten, einem 2004 zugelassenen Arzneimittel, das in den USA und Europa mittlerweile zur Standardtherapie bei verschiedenen Krebsarten gehört.

Avastin bekämpft den Tumor in einem sehr frühen Stadium. Genau wie gesunde Zellen und Organe können auch bösartige Tumore nur dann wachsen, wenn sie Nährstoffe und Sauerstoff aus dem Blut erhalten. Ohne Anschluss an die Blutversorgung können Tumore nur eine maximale Größe von 1 bis 2 mm erreichen.

Wird ein Tumor kanzerogen, so "ernährt" er sich, indem er ein Signalprotein aussendet, das als vaskulärer endothelialer Wachstumsfaktor oder kurz VEGF bezeichnet wird. Dieser Wachstumsfaktor bewirkt, dass sich neue Blutgefäßzellen bilden, die schließlich eine arterielle Verbindung zu dem Tumor herstellen.

1989 wurde dieser Wachstumsfaktor bei Genentech von Dr. Napoleone Ferrara entdeckt und erstmals geklont. Einige Jahre später fanden die Genentech-Forscher um Manuel Baca heraus, dass in gesun­den Zellen ein bestimmter Antikörper die VEGF-Produktion kontrolliert.

Das Baca-Team isolierte den Antikörper im Blutserum von Labormäusen und "humanisierte" ihn mittels Gentechnik. In den ersten klinischen Tests 1997 zeigte sich, dass die neue Antikörper­thera­pie - damals unter der chemischen Bezeichnung Bevacizumab - Tumore tatsächlich "aushungern" konnte. In der Folge wurde das Medikament optimiert und schließlich 2004 auf dem US-Markt zuge­lassen.

In Europa wird es seit 2005 vom Schweizer Pharmakonzern Roche unter dem Namen Avastin vertrieben. Mit einem Jahresumsatz von 4,8 Mio. USD ist Avastin derzeit das meistverkaufte Produkt von Genentech.

Inzwischen gilt es als erster Schritt auf dem Weg zu einem vollkommen neuartigen therapeutischen Ansatz, den sogenannten "Targeted Therapies". Weltweit laufen derzeit über 450 klinische Studien, in denen die Wirkung dieses innovativen Medikaments bei 30 verschiedenen Tumorarten getestet wird.

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