Europas Forschungseinrichtungen: Ideenschmieden, die die Welt bewegen

Sie entwickeln die Arzneimittel, grünen Technologien und digitalen Wunderwerke der Zukunft. Sie beschäftigen ein Heer von mehreren Hunderttausend Wissenschaftlern, die Forschungsgelder in Milliardenhöhe oftmals in wertvolle Patente und erfolgreiche Produkte umsetzen.

Keine Frage: Europas staatliche Universitäten, Hochschulen und private Forschungseinrichtungen sind international führend in Sachen Innovation. Allein im Jahr 2012 reichten 843 Hochschulen insgesamt 4515 Patentanmeldungen beim Europäischen Patentamt (EPA) ein.

Unter den wichtigsten Errungenschaften europäischer Forschungseinrichtungen befinden sich auch Gewinner und Finalisten des Europäischen Erfinderpreises. Hier eine Auswahl:

 

Flüssiges Holz, klingelnde Kassen

Jürgen Pfitzer und Helmut Nägele Der Bio-Kunststoff Arboform bescherte den Fraunhofer-Forschern Jürgen Pfitzer und Helmut Nägele einen Traumstart auf dem Markt. Zwischen 2005 und 2009 konnte Tecnaro, das süddeutsche Start-Up-Unternehmen der beiden Erfinder, seinen Umsatz dank dem voll biologisch abbaubaren Baustoff verfünffachen.

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Cambridge: Der wissenschaftlichen Exzellenz verschrieben

John Daugman Tradition verpflichtet. Die Cambridge University zählte bereits Größen wie Francis Bacon, Isaac Newton und Stephen Hawking zu ihren Absolventen. Mit einem jährlichen Budget von 4.3 Milliarden Britischen Pfund (2011) ist Cambridge die finanziell stärkste Universität in Europa und wendet jährlich 650 Millionen Pfund für die Forschung auf.

Bereits bei der ersten Verleihung des Europäischen Erfinderpreises im Jahr 2006 zählte eine patentierte Erfindung aus Cambridge zu den Finalisten in der Kategorie Forschungseinrichtungen: Die ultraflachen Bildschirme auf Basis von P-OLEDs (Polymer Organic Light Emitting Diodes) der Erfinder Richard Friend, Jeremy Burroughes und Donal Bradley läuteten eine neue Generation auf dem Markt für Unterhaltungselektronik ein.

Ein Auge für kommerziellen Erfolg hat auch Cambridge-Professor John Daugman, Finalist beim Europäischen Erfinderpreis 2009: Sein patentgeschütztes System der Iriserkennung nutzt die Pigmentation und Struktur im Auge einer Person als digitales Erkennungsmerkmal. An Flughäfen in aller Welt nutzen bereits Millionen Reisende die Iris-Erkennung als Ersatz für ihren Reisepass.


Fraunhofer Gesellschaft: Ideenschmiede mit Tradition

Adolf GoetzbergerSeit ihrer Gründung im Jahr 1949 ist die deutsche Fraunhofer Gesellschaft zu einem der Stars unter den europäischen Forschungseinrichtungen herangewachsen: In mehr als 60 Instituten mit unterschiedlichen wissenschaftlichen Schwerpunkten arbeiten momentan rund 20 000 Forscher mit Hochdruck - und einem jährlichen Forschungsbudget von 1,65 Milliarden Euro - an Erfindungen für Wirtschaftsunternehmen und staatliche Träger.

Zu den Siegern des Europäischen Erfinderpreises zählt unter anderem Adolf Goetzberger, im Jahr 2009 ausgezeichnet für sein Lebenswerk als einer der Pioniere der Solarenergie in Europa. 1981 gründete Goetzberger das Fraunhofer-Institut für Solare Energiesysteme (ISE) in Freiburg und ebnete mit seinen patentierten Erfindungen den Weg zum Siegeszug der Photovoltaik.

Die Musikindustrie revolutionierte Fraunhofer-Forscher Karlheinz Brandenburg mit der Erfindung des MP3-Audiodateiformats, heute der Standard für Milliarden von Computern und mobilen Geräten.

Gewaltige Markterfolge feiern Jürgen Pfitzer und Helmut Nägele vom Fraunhofer Institut für Chemische Technologie (ICT) mit ihrem „flüssigen Holz", einem Bio-Kunststoff mit Marktnamen Arboform. Dafür erhielten die beiden Forscher im Jahr 2010 den Europäischen Erfinderpreis in der Kategorie Forschungseinrichtungen.


Max Planck: Ganz vorn im internationalen Vergleich

Stefan Hell Kaum eine europäische Forschungseinrichtung liegt im internationalen Vergleich weiter vorne als die Max-Planck-Gesellschaft zur Förderung der Wissenschaften: Im Jahr 2006 war die Gesellschaft mit Sitz in München laut Time Magazine die weltweit drittbeste Institution in der Technologieforschung, direkt hinter AT&T und dem Argonne National Laboratory.

Max-Planck-Forscher machen sogar das Unmögliche möglich: Die über hundert Jahre als Maximalgrenze für Mikroskope geltende Schwelle von 200 Nanometern überwand erstmals der deutsche Physiker Stefan Hell vom Max-Planck-Institut für biophysikalische Chemie in Göttingen.

Hells patentgeschützte Erfindung, die Stimulated Emission Depletion (STED) Mikroskopie, war im Jahr 2008 Finalist für den Europäischen Erfinderpreis und wurde unter anderem mit dem Deutschen Zukunftspreis ausgezeichnet.


Centre national de la recherche scientifique (CNRS): Preisgekrönte Innovation

Gilles GosselinAls eine der führenden staatlichen Forschungseinrichtungen Europas beschäftigt das 1939 gegründete CNRS mit Sitz in Paris rund 26 000 Angestellte bei einem jährlichen Forschungsbudget von 2.2 Milliarden Euro.

Neben zahlreichen Nobelpreisen für Chemie, Medizin und Physik gewann das CNRS auch den Europäischen Erfinderpreis in der Kategorie Forschung im Jahr 2012: Das Team um Gilles Gosselin entwickelte ein revolutionäres Medikament gegen Hepatitis B.

Von der gegen viele Medikamente resistenten Krankheit sind weltweit mehr als 350 Millionen Menschen betroffen. Die mit einem europäischen Patent geschützte Erfindung gilt als eines der effektivsten Heilmittel auf dem fast 1 Milliarde USD großen Markt für Medikamente gegen die Infektion.


Katholische Universitäten Löwen und Louvain: High-Tech statt Tradition

Yves Jongen Die bereits 1425 gegründete Hochschule in Löwen/Flandern ist die weltweit älteste katholische Universität. Statt Tradition setzt Löwen auf High-Tech - und liefert immer wieder bahnbrechende Errungenschaften im Bereich Medizin. Im Jahr 2012 reichten Wissenschaftler der belgischen Universität 32 Patentanmeldungen beim EPA ein.

Den Preis für sein Lebenswerk erhielt 2008 Erik De Clercq: Seine neuartigen Medikamente ermöglichten erstmals wirkungsvolle Behandlungen von Infektionen wie HIV und Hepatitis B.

Zu den Finalisten des diesjährigen Europäischen Erfinderpreises zählt der Ingenieur Yves Jongen von der französischsprachigen KU Louvain, die seit 1968 als eigenständige belgische Hochschule fungiert. Jongen kostengünstiges und effizientes „Zyklotron" zur Krebsbehandlung durch Protonenstrahlen diente bereits zur Behandlung von 21000 Patienten.

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