Industriestandards: Innovationsförderung durch preisgekrönte Erfindungen

Einige bedeutende Beiträge zu den wichtigsten Industriestandards weltweit stammen von Gewinnern und Finalisten des Europäischen Erfinderpreises, der jährlich vom Europäischen Patentamt (EPA) verliehen wird.

Technische Standards gehören zu den wichtigsten Innovationstreibern in unserer globalisierten Welt. Einige der beliebtesten Konsumgüter weisen Industriestandards auf - angefangen bei der Unterhaltungselektronik und Haushaltsgeräten bis hin zu Bauelementen.

Aus Sicht der Industrie stellen internationale Standards sicher, dass alle Hersteller auf einem bestimmten Gebiet an einem Strang ziehen. So wird beispielsweise mit dem Standard ISO 216 gewährleistet, dass die Hersteller unterschiedlichster Produkte von ein und demselben Papierformat, nämlich 210 mm × 297 mm ausgehen, etwa für A4-Druckerpapier, Briefumschläge und Aktenordner sowie Drucker und Scanner.

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Grenzen überwinden, Brücken bauen

Grenzüberschreitende Standards

"Auf einem internationalen Markt brauchen wir Industriestandards und Interoperabilität, um neue Entwicklungen zu fördern. Das gilt vor allem für Bereiche, in denen viele kleine Unternehmen tätig sind, wie zum Beispiel die Mobilkommunikation oder intelligente Stromnetze", so Gerard Owens, Koordinator für Öffentlichkeitspolitik im EPA.

Owens weist auch auf die Bedeutung hin, die Standards für den freien Markt haben: "Einen Standard kann niemand besitzen. Er wird von den Hauptakteuren auf einem bestimmten Gebiet vereinbart und bei der Normungsorganisation registriert, damit viele Unternehmen effektiv an neuen Technologien in ihrem Marktsegment arbeiten können."

Singer sewing machine (JPG)Patente zu Patent-Pools gebündelt

Einige der weltweit bedeutendsten Standards enthalten mehrere patentierte Technologien, die zu sogenannten "Patent-Pools" gebündelt werden können. Das sind Cluster von Patenten, die von den jeweiligen Patentinhabern in einem gemeinsamen Pool gesammelt werden, um die Lizenzvergabe an andere Unternehmen - kostenlos oder zu "fairen und angemessenen" Lizenzgebühren - zu vereinfachen.

Einer der weltweit ersten Patent-Pools entstand im Jahr 1856. Damals beschuldigten sich die amerikanischen Nähmaschinenhersteller Grover, Baker, Singer und Wheeler & Wilson gegenseitig der Patentverletzung. Schließlich gelangten aber alle Parteien zu einer historischen Einigung. Anstatt gerichtlich gegeneinander vorzugehen, fassten sie ihre Patente in einem Pool zusammen und gründeten die Sewing Machine Combination zur Produktion in großem Umfang.

Heute basieren einige der wichtigsten Industriestandards und Patent-Pools auf Beiträgen von Gewinnern und Finalisten des Europäischen Erfinderpreises. Hier sind einige ausgewählte Erfindungen:

Weltweite Computerstandards

MP3-Audioformat: Auslöser der digitalen Musikrevolution

Das MP3-Format wurde von Karlheinz Brandenburg vom Fraunhofer-Institut für Digitale Medientechnologie entwickelt und ist inzwischen zum internationalen Standard für Audiokodierung geworden. Das Aufkommen der MP3-Dateien führte im Alleingang zu einem Paradigmenwechsel in der Musikindustrie, und 2006 wurde Brandenburg als Finalist für den Europäischen Erfinderpreis nominiert.

Patente, die auf der MP3-Technologie beruhen, sind in einem Patent-Pool unter der Leitung von Technicolor SA zusammengefasst, die für Lizenzfragen zu MP3-Patenten zuständig sind.

USB: Verbindung zu Peripheriegeräten weltweit

Einer der wichtigsten Standards in der Computertechnologie ist der Universal Serial Bus (USB). Er wurde von einem Team unter der Leitung von Ajay V. Bhatt erfunden und ist eine zentrale Methode, um Computer einfach und direkt mit externen Geräten zu verbinden.

Bhatt und sein Team haben 2013 den Europäischen Erfinderpreis in der Kategorie Außereuropäische Staaten gewonnen. USB ist ein inzwischen zum Standard gewordenes Computerprotokoll, das die Verbindung zu einer Vielzahl von Geräten weltweit ermöglicht. Die zentralen Patente für den USB-Standard werden in einem Patent-Pool vom Universal Serial Bus Implementers Forum verwaltet und werden Unternehmen und Entwicklern kostenlos zur Verfügung gestellt

Mobile Netzanbindung

Mobile IP: Webanbindung für unterwegs

Wenn Computernutzer zwischen verschiedenen Orten und verschiedenen Netzen wechseln, stellt die Identifikation des Computers und die Vergabe von Zugriffsrechten eine logistische Herausforderung dar. Mobile IP erlaubt Nutzern von Laptops und mobilen Geräten, sich unterwegs mit Computernetzen zu verbinden. Dank der von Charles E. Perkins vom IBM T. J. Watson Research Center erfundenen Mobile-IP-Technologie können diese Geräte auch beim Einloggen in neue Netze erkannt werden.

Die Erfindung wurde 1996 zum Standard der Internet Engineering Task Force (IETF), und Perkins war beim Europäischen Erfinderpreis 2006 Finalist in der Kategorie Außereuropäische Staaten.

Woman phones using a bluetooth headset (JPG)Bluetooth: ein gemeinsamer Standard für alle

Die Anfangszeiten der drahtlosen Computertechnologie waren von einer Vielzahl unterschiedlicher Protokolle geprägt. Jeder Entwickler arbeitete an seinem eigenen Standard - bis schließlich Bluetooth kam. Die Bluetooth-Technologie wurde Mitte der 1990er-Jahre vom niederländischen Ingenieur Jaap Haartsen entwickelt, der 2012 Finalist beim Europäischen Erfinderpreis war, und ist heute der weltweit gültige Industriestandard für Drahtlosverbindungen.

Der Patent-Pool von Bluetooth - die Bluetooth Special Interest Group - umfasst inzwischen über 19 000 Unternehmen und ermöglicht die kostenlose Nutzung von Bluetooth-Patenten.

Wi-Fi: das drahtlose Internet

Für einen Hochgeschwindigkeitszugang zum Internet brauchte man früher eine Kabelverbindung zu einem lokalen Netzwerk. Dies änderte sich mit dem Wi-Fi-Standard, der Mitte der 1990er-Jahre von einem Team um den australischen Ingenieur Dr John O'Sullivan entwickelt wurde. Wi-Fi hat seine Wurzeln in der Radioastronomie und nutzt Tools, die ursprünglich zur Himmelsbeobachtung entwickelt wurden und Daten mithilfe von Trägerwellen übermitteln.

Das Wi-Fi-Team hat 2012 den Europäischen Erfinderpreis in der Kategorie Außereuropäische Staaten gewonnen, und inzwischen ist Wi-Fi eine vom IEEE LAN/MAN Standards Committee festgelegte und gepflegte Norm. Zusätzlich trägt ein Patent-Pool namens Wi-Fi Alliance zur Förderung der Wi-Fi-Technologie bei und zertifiziert Produkte im Hinblick auf ihre Interoperabilität. Seit der Markteinführung der Wi-Fi-Technologie Mitte der 1990er-Jahre sind geschätzte 6 Mrd. Wi-Fi-fähige Geräte hergestellt worden - Tendenz steigend!


Wussten Sie, dass ...

... der Name des Bluetooth-Standards auf die Wikinger zurückzuführen ist? "Bluetooth" ist die englische Übersetzung von "Blåtand", dem Beinamen von König Harald I, der im 10. Jh. die verfeindeten dänischen Volksstämme zu einem gemeinsamen Königreich vereinte. Ebenso vereint auch Bluetooth die verschiedenen Kommunikationsprotokolle zu einem internationalen Standard. Das Bluetooth-Logo ist eine Kombination aus den Runen Hagall und Bjarkan, den Initialen von "Harald Bluetooth".

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