Die Beschwerdekammern befinden sich am Sitz des Europäischen Patentamts in München, Deutschland. Sie umfassen eine Große Beschwerdekammer, eine Juristische Beschwerdekammer und 27 Technische Beschwerdekammern.
Zusammen mit den ihnen zugeordneten Verwaltungsdiensten sind die Beschwerdekammern als Generaldirektion 3 in die Organisationsstruktur des Europäischen Patentamts integriert. Sie sind jedoch bei ihren Entscheidungen nicht an Weisungen des Amts gebunden, sondern allein dem Europäischen Patentübereinkommen unterworfen.
Die Mitglieder der Beschwerdekammern sind nur dem Europäischen Patentübereinkommen unterworfen, das die europäische Patentpraxis im Europäischen Patentamt regelt. Nach dem Übereinkommen sind die Kammermitglieder bei ihren Entscheidungen weder an Weisungen des Amtspräsidenten noch an Weisungen nationaler Behörden oder sonstiger Parteien gebunden. Der Status der Beschwerdekammermitglieder ist mit dem eines Richters an einem nationalen Gericht zweiter Instanz vergleichbar.
Die Mitglieder und Vorsitzenden der Beschwerdekammern werden vom Verwaltungsrat der Europäischen Patentorganisation für eine verlängerbare Amtszeit von fünf Jahren ernannt.
Die Technischen Beschwerdekammern bestehen in der Regel aus zwei Mitgliedern aus dem betreffenden technischen Gebiet sowie aus einem rechtskundigen Mitglied. Die Juristische Beschwerdekammer setzt sich aus drei rechtskundigen Mitgliedern zusammen.
Freie Stellen werden intern im Europäischen Patentamt (EPA) und extern ausgeschrieben.
Aufgrund der Ergebnisse des Auswahlverfahrens erstellt ein Ausschuss für den Amtspräsidenten eine Shortlist geeigneter Bewerber; der Präsident wiederum schlägt dem Verwaltungsrat der Europäischen Patentorganisation einen Kandidaten vor, und der Rat kann diesen Vorschlag nach den Bestimmungen des Europäischen Patentübereinkommens entweder annehmen oder ablehnen.
Die Technischen Beschwerdekammern und die Juristische Beschwerdekammer befassen sich mit Beschwerden gegen Entscheidungen der ersten Instanz im Patenterteilungsverfahren, d. h. der Eingangsstelle, der Prüfungsabteilungen, der Rechtsabteilung und der Einspruchsabteilungen.
Sie entscheiden in Fragen zur Patenterteilung und zum Einspruch nach dem Europäischen Patentübereinkommen, befassen sich aber nicht mit Fragen der Patentverletzung.
Die Juristische Beschwerdekammer behandelt vor allem Beschwerden von Parteien, die durch Entscheidungen der Eingangsstelle und der Rechtsabteilung beschwert sind.
Die Technischen Beschwerdekammern können ein angefochtenes Patent ganz oder teilweise aufrechterhalten oder widerrufen.
Die Große Beschwerdekammer befasst sich mit Fällen, die ihr von einer Technischen Beschwerdekammer, der Juristischen Beschwerdekammer oder vom Präsidenten des Europäischen Patentamts vorgelegt werden, wenn über eine Rechtsfrage von grundsätzlicher Bedeutung entschieden oder wenn eine einheitliche Rechtsanwendung gesichert werden soll. Der Präsident kann eine Rechtsfrage vorlegen, wenn zwei Beschwerdekammern über dieselbe Frage voneinander abweichende Entscheidungen getroffen haben. Bei Vorlagefällen setzt sich die Große Beschwerdekammer aus fünf rechtskundigen Mitgliedern und zwei technisch vorgebildeten Mitgliedern zusammen.
Seit dem Inkrafttreten des revidierten Europäischen Patentübereinkommens im Dezember 2007 überprüft die Große Beschwerdekammer auf Antrag eines Beteiligten auch Entscheidungen der Beschwerdekammern. Dieser Antrag kann nur darauf gestützt werden, dass ein schwerwiegender Verfahrensmangel vorliegt oder eine Straftat die Entscheidung der Beschwerdekammer beeinflusst haben könnte.
Beschwerden können von beschwerten Parteien eingelegt werden, vor allem wenn z. B. die Prüfungsabteilung eine Patentanmeldung zurückweist oder die Einspruchsabteilung ein Patent nach einem Einspruchsverfahren widerruft bzw. ganz oder teilweise aufrechterhält. Diese Fälle werden dann an eine Technische Beschwerdekammer in dem jeweiligen technischen Gebiet verwiesen, deren Mitglieder die Entscheidung der Prüfungsabteilung oder der Einspruchsabteilung überprüfen. Die daraus resultierende ständige Rechtsprechung der Beschwerdekammern spielt eine wichtige Rolle bei der Weiterentwicklung der Patentierungspraxis im Europäischen Patentamt.
Hinweis: Einsprüche sind erstinstanzliche Rechtsbehelfe gegen erteilte europäische Patente. Jedermann kann eine Patenterteilung anfechten, indem er innerhalb von neun Monaten nach Bekanntmachung des Hinweises auf die Erteilung im Europäischen Patentblatt Einspruch einlegt. Damit wird ein förmliches Überprüfungsverfahren eingeleitet, in dem das Patent im Lichte der von dem bzw. den Einsprechenden vorgebrachten Einwände neu überprüft wird. Gegen die Entscheidung der Einspruchsabteilung kann dann Beschwerde eingelegt werden.
Pro Jahr gehen bei den Beschwerdekammern derzeit rund 2 500 neue Fälle ein; im gleichen Zeitraum erledigen die Kammern 1 950 Beschwerden. Die durchschnittliche Bearbeitungsdauer - von der Einlegung der Beschwerde bis zur Abfassung der Entscheidungsbegründung - beträgt zurzeit 25 Monate.
Die Große Beschwerdekammer befasst sich mit zwei bis drei Vorlagen und etwa zwanzig Überprüfungsfällen pro Jahr.
Die Gebühr beträgt derzeit 1 180 EUR für jede Beschwerde, unabhängig vom technischen Gebiet und/oder von der Komplexität des Falls.
Die Entscheidungen der Beschwerdekammern sind auf europäischer Ebene rechtskräftig. Wird ein Patent jedoch am Ende des Beschwerdeverfahrens aufrechterhalten, kann ein Konkurrent in einem Mitgliedstaat ein nationales Nichtigkeitsverfahren einleiten, wenn er zum Beispiel erreichen will, dass das Patent in diesem Land für ungültig erklärt wird. Wenn das betreffende Patent von einer Technischen Beschwerdekammer widerrufen wird, bestehen auf nationaler Ebene keine weiteren Rechtsmittel. Der Europäische Gerichtshof kann nicht angerufen werden, weil die Rechtssysteme des Europäischen Patentamts - d. h. das Europäische Patentübereinkommen - und der EU nicht miteinander verbunden sind.
Die Initiative hat einen fertigen Entwurf zur Änderung des Europäischen Patentübereinkommens hervorgebracht, mit der die Beschwerdekammern organisatorisch vom Europäischen Patentamt getrennt werden sollen. Zur Umsetzung dieser Initiative ist jedoch eine Diplomatische Konferenz erforderlich, an der die Vertreter der Mitgliedstaaten der Europäischen Patentorganisation teilnehmen. Die Beschwerdekammern und die ihnen zugeordneten Verwaltungsdienste wären dann nicht mehr als Generaldirektion 3 in das Europäische Patentamt integriert, sondern würden ein eigenständiges Organ innerhalb der Europäischen Patentorganisation.