INTELLIGENT TEXTILES zeigt, dass eine kleine Firma schon mit sehr grundlegendem geistigen Eigentum zu einem erfolgreichen Wettbewerber in einem gewaltigen Markt werden kann. Das englische Unternehmen mit Sitz in Surrey besteht aus einem fünf¬köpfigen Team und verkauft seine "Smart Fabric"-Technologie an Abnehmer in so unterschiedlichen Branchen wie Medizin, Bekleidungs- und Automobilindustrie.
Asha Peta Thompson, Intelligent Textiles: "Ohne unsere Patente hätten wir wahrscheinlich kein Unternehmen."
Vor ein paar Jahren entwickelten die Firmengründer Dr. Stan Swallow und Asha Peta Thompson ein Verfahren, mit dem sich elektrische Schaltkreise in Baumwoll-, Woll- und Polyesterstoffe einweben lassen. Bei früheren Verfahren wurden mehrere Lagen Stoff miteinander verbunden. Ihr Textil¬gewebe besteht dagegen aus einem flachen Stück Stoff, das aussieht wie jedes andere. Das ist es natürlich nicht. Durch die eingewobenen leitfähigen Fasern können in dieses High-Tech-Gewebe in Verbindung mit einer Energiequelle wie einer Batterie Heizelemente integriert werden, etwa um einen Handschuh zu wärmen, oder es können Sensoren eingesetzt werden, die auf Druck reagieren, um eine Computertastatur aus einem Stück Stoff herzustellen. Kurz nach der Erfindung dieser Technologie patentierten Dr. Swallow und Asha Peta Thompson das Verfahren und gründeten ein Unternehmen.
Intelligent Textiles ist ein kleiner Fisch im großen Ozean. Die Firma begann ihr Geschäft in einem Studio mit zwei Räumen etwa eine halbe Stunde von London entfernt. Nun hat sie ein neues Domizil mit einem voll ausgestatteten Studio. Drei Teil¬zeitmitarbeiter befassen sich mit technischen und administrativen Aufgaben und dem Verkauf. Zu seiner Handvoll Kunden zählt ein Bekleidungsunternehmen, das eine Jacke herstellt, in deren Ärmel Intelligent Textiles' Technologie integriert ist, um einen MP3-Player zu bedienen. Die Technologie wird auch in einem Ruhesessel eingesetzt, der sich durch Drücken der Armstütze in Liegeposition verstellen lässt, und in Einlegesohlen für Schuhe oder Ski¬stiefel, die die Füße wärmen. Die Gründer verkaufen nicht nur Komponenten an andere Unternehmen, im Rahmen von Beratungsverträgen vermitteln sie ihr Know-how auch an Firmen der verschiedensten Branchen in geographischen Märkten wie Deutschland, Spanien, dem Vereinigten Königreich und den USA. Der Absatz ist zwar noch gering, aber das Unternehmen hat großes Potenzial. Asha Peta Thomson: "Vor Kurzem haben wir einen großen Forschungsauftrag für die kanadische Regierung bekommen. Außerdem stehen wir kurz davor, unseren beheizten Handschuh über den Hersteller für technische Arbeitskleidung Tilsatec zu vermarkten."
Für zwei Unternehmer aus dem Hochschulbereich haben die beiden große Voraussicht in Bezug auf die Patentierung ihrer Ideen bewiesen. Dr. Swallow ist Design-Ingenieur und war zu dem Zeitpunkt Dozent an der Brunel University, Asha Peta Thompson ist gelernte Weberin und entwarf im Rahmen ihres Forschungsstipendiums an der Universität Lern¬spielzeug für behinderte Kinder. Die beiden betrachteten den Faktor geistiges Eigentum als so wichtig, dass sie einen großen Teil der Arbeiten im Zusammenhang mit der Patentanmeldung selbst übernahmen. Obwohl die Hochschule einen Patentanwalt stellte, verbrachten sie über sechs Monate damit, die 30-seitige Patentanmeldung zu verfassen, wobei sie sich einen ganzen Monat lang ausschließlich darauf konzentrierten. Sie führten ihre Recherche zum Stand der Technik durch und suchten nach Patenten, deren Ansprü¬che mit ihren eigenen kollidierten. Sie baten auch zwei professionelle Anbieter, entspre¬chende Recherchen durchzuführen. Darüber hinaus ließen sie sich von zwei externen Patentanwälten beraten, um sicherzugehen, dass sie von dem Patentexperten der Univer¬sität die bestmögliche Beratung erhielten.
Dann beschlossen sie, die Rechte an ihrer Erfindung selbst zu übernehmen. Zunächst war die Hochschule Inhaber des Patents. Im Jahr 2000 ließen Dr. Swallow und Asha Peta Thompson sich auf das gewagte Spiel ein und kauften das Patent für einen fünfstelligen USD-Betrag zurück. Sie leerten ihre Sparkonten und liehen sich bei Familie und Freunden Geld, um das Patent zu kaufen und ihre ersten Monate im Geschäft zu finanzieren. "Das hätte auch fürchterlich schief gehen können", räumt Dr. Swallow ein.
Die Entscheidung ist ihnen auch nicht leicht gefallen. Die Universität konnte weitere Forschungs- und Entwicklungsmöglichkeiten bieten, aber die beiden Erfinder befürchteten, das Potenzial der Technologie könne so groß sein, dass es die Universität schon bald überfordern würde. Uns war es wichtig, das Produkt so schnell wie möglich zu vermarkten. "Und das ist für eine Universität sehr schwer realisierbar", sagt Dr. Swallow.
Sie erhielten schon bald die Bestätigung, dass sie die richtige Entscheidung getroffen hatten. Kurz nach Gründung der Firma gingen sie auf Geschäftsreise, um potenzielle Kunden anzusprechen und sich von ihnen beraten zu lassen. Ein Manager in der Technik¬abteilung eines führenden Spielzeugunternehmens warnte sie, dass sie ihr geistiges Eigentum ganz sicherlich irgendwann vor Gericht verteidigen müssten. "Das bestätigte uns, dass wir auf dem richtigen Weg waren", sagt Asha Peta Thompson.
Daraufhin entschieden sie sich, das Patent breiter angelegt anzumelden. Die erste Anmeldung hatten sie im Vereinigten Königreich vorgenommen. Sie beschlossen, die Reichweite des Patents zu verbessern, indem sie es zusätzlich im PCT-Verfahren und beim EPA anmeldeten.
Die Anmeldung beim EPA verschaffte ihnen einen unerwarteten Vorteil in den Verhand¬lungen mit ihrem ersten Kunden. Auf einer Messe wurden sie auf ein Unternehmen namens Australian Wool Innovation aufmerksam. Die beiden Unternehmen traten in Verhandlung, und Intelligent Textiles erhielt einen Auftrag, der groß genug war, um damit weitere Forschungs- und Entwicklungsarbeiten zu finanzieren, und der den Gründern auch ermöglichte, ihre Schulden bei Freunden und Familie zurückzuzahlen. "Unser Auftrag¬geber ließ sehr deutlich durchblicken, dass er unserem Patent keinen so großen Wert beigemessen hätte, wenn es nur von australischen Behörden und nicht vom Europäischen Patentamt erteilt worden wäre", sagt Asha Peta Thompson. Seitdem trägt sich das Unter¬nehmen selbst.
Überraschenderweise wählten die beiden nicht den Weg, den Produzenten bahnbrechen¬der Technologien normalerweise einschlagen. Ein anderes Unternehmen hätte inzwischen wahrscheinlich Wagniskapital aufgenommen und rasch expandiert, um sicherzustellen, dass seine Technologie weltweit in jedem Ruhesessel und in jeder Jacke vertreten ist. Wagniskapitalgeber boten zwar Finanzierungen an, aber die beiden zogen es vor, ihr Unternehmen klein zu halten und ihren Absatz aus eigener Kraft zu steigern.
Als kleines Unternehmen müssen sie aber alle Aufgaben, für die sie selbst keine Zeit haben, extern vergeben. Zwar haben die beiden die ersten 10 000 verkauften Stück buchstäblich selbst zugeschnitten, genäht und getestet, aber heute ist die Herstellung an ein englisches Unternehmen vergeben. Die Buchhaltung wird ebenfalls außer Haus erledigt. Ein Patentanwalt zählte zu den ersten externen Beratern, die sie beauftragten. Sie sprachen mit sechs Kandidaten, da sie einen Patentanwalt suchten, der mit vielen verschiedenen Branchen vertraut war und sich mit Enthusiasmus für ihr Produkt einsetzen würde. In einem Fall ließen sie einen Kandidaten fallen, weil er Asha Peta Thompson einen Plastikkugelschreiber nicht geben wollte, um den sie ihn gebeten hatte. Er war mit dem Logo des Unternehmens bedruckt, und Asha Peta Thompson sammelt Kugel¬schrei¬ber. Der Patentanwalt erklärte, er bekäme Ärger, wenn er Dinge verschenken würde, die der Firma gehörten. Sie entschieden sich nicht für ihn. "Wenn er einem nicht einmal einen Kugelschreiber gibt, ruft er ganz bestimmt nicht schnell zurück, wenn man ihn braucht", sagt Asha Peta Thompson. "Er gibt einem nichts, was er nicht minutengenau in Rechnung stellt. Er ist nicht jemand, der gern gibt." Letztendlich wandten sie sich an den Patent¬anwalt, an den sie die Universität ursprünglich verwiesen hatte. Sie sagen, er begeistere sich für ihre Technologie und da er einer großen Kanzlei angehöre, habe er Kontakt mit vielen verschiedenen Branchen und Schutzrechten.
Heute halten sie siebzehn Patente in zwei Familien und ein paar Warenzeichen. Vier Unternehmen haben Optionen auf die Lizenzierung der Technologie von Intelligent Textiles erworben. Es ist nicht alles patentiert, bestimmtes Wissen wird geheimgehalten. Insgesamt wurden über 100 000 GBP für Patentanmeldungen und Patentschutz aus¬gegeben, wobei der hohe fünfstellige Betrag für den Erwerb des ersten Patents von der Universität nicht mitgerechnet ist. Jährlich gibt die Firma bis zu 40 000 GBP für Patent¬angelegenheiten aus.
Die Patentarbeiten werden noch immer weitgehend intern erledigt. Zum einen, um Geld zu sparen, aber auch, weil die beiden Erfinder einen solch wichtigen Aspekt ihres Geschäfts nicht anderen anvertrauen möchten. Dr. Swallow sagt, er verfasst die Dokumente für die Patentanmeldungen noch immer selbst, dann überprüft sie der Patentanwalt und reicht sie ein. Er nimmt sich auch jeden Monat Zeit für die Recherche der EPA-Datenbank nach Schlag¬wörtern, Erfindernamen und Firmennamen, um über etwaige Patentverletzungen und Aktivitäten von Wettbewerbern auf dem Laufenden zu bleiben, aber auch als Quelle der Inspiration. Mit dem wachsenden Markt wird die Überwachung von Patentverletzungen immer schwieriger, vor allem auf Märkten wie China, sagt Dr. Swallow. Seit der Patent¬anmeldung befürchten die beiden Erfinder, dass Wettbewerber von ihrer Erfindung recht¬mäßig oder unrechtmäßig profitieren könnten. "Mit der Patentanmeldung beginnt die Zeitbombe zu ticken", meint Asha Peta Thompson.
Bisher haben die Erstanbieterstrategie, die Patente und nicht zuletzt ein wenig Glück dafür gesorgt, dass das Unternehmen nicht von größeren oder finanzkräftigeren Konkurrenten vom Markt verdrängt wurde. Der Elektronikgigant Philips hat in die Forschung und Ent¬wick¬lung von "Smart Fabric"-Technologie investiert, sich dann aber zurückgezogen, sagen die Gründer von Intelligent Textiles. Ein Wettbewerber, der Wagniskapital aufnahm, erwei¬terte sein Geschäft sehr schnell. Jetzt hat er Probleme und muss restrukturieren. Um sie herum sind auch andere Nischenanbieter aufgetaucht, aber sie sind keine direkten Wett¬bewerber, die Anlass zur Sorge geben, sagen sie. Die beiden sind aber nicht so naiv zu glauben, dass das immer so bleiben wird.
In der Zwischenzeit arbeitet das Unternehmerpaar (sie sind auch privat ein Paar) rund um die Uhr. Sie hoffen, dass jeder von ihnen eines Tages einen Auszubildenden einstellen kann. Trotzdem will Dr. Swallow in Bezug auf den Patentschutz das Ruder fest in der Hand behalten. "Ohne unsere Patente hätten wir wahrscheinlich kein Unternehmen", fügt Asha Peta Thompson hinzu.
Die patentierte Technologie von Intelligent Textiles ermöglicht es, elektrische Schaltkreise in Baumwoll-, Woll- oder Polyesterstoffe auf eine Art und Weise einzuweben, dass sich das Gewebe kaum von einem normalen Stoff unterscheidet. So lassen sich "Smart Fabrics", intelligente Stoffe, erzeugen, die sich beispielsweise über eine Batterie beheizen lassen – z.B. für Handschuhe oder Bettwäsche. Es können auch Sensoren in das Gewebe integriert werden, die auf Druck reagieren. Dies eröffnet schier unbegrenzte Einsatzmög¬lich¬keiten, wie etwa die Fertigung einer Computertastatur aus einem Stück Stoff.
Staff: 5
Sales 2004: Nominal
Key product: Smart fabric technology.
Customers: Apparel, automotive and healthcare companies.
intelligent textiles limited
Yew Tree Lodge Studios
21 Staines Road
Laleham
Middlesex, TW18 2TA
United Kingdom
www.intelligenttextiles.com
Patent protection: Seventeen patents in two families.
Patent filing order: UK first, then the PCT and with the EPO.
Department: The founders manage their own IP. An external patent attorney is used.
Budget: Roughly £40,000
Success factors: First-mover advantage.
Challenges: Infringement risk, especially in China.
European Patent Office
Erhardtstr. 27, 80469 Munich, Germany
Tel.: +49 89 2399 4636
E-mail: sme@epo.org
www.epo.org
The UK Intellectual Property Office
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South Wales NP10 8QQ, United Kingdom
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