Das belgische Unternehmen DELPHI GENETICS ist ein kleines Spin-off der Université Libre de Bruxelles, das mit ein wenig Unterstützung seiner strategischen Partner auf dem globalen Markt navigiert. Da seine Molekularbiologie-Kits für Forschungslabore kopiert werden können, spielen Patent- und Lizenzrecht-Management eine wichtige Rolle.
Philippe Gabant, Delphi Genetics: "Wenn die Technologie nicht gut ist, wird sie auch nicht kopiert."
Man kann sich schwer vorstellen, wie ein Mini-Unternehmen mit nur neun Mitarbeitern und einer halben Million Euro Umsatz auf dem riesigen globalen Markt überlebt. Delphi Genetics, ein in Wallon, Belgien, ansässiger Hersteller von Kits für DNA-Engineering zum Einsatz in den Forschungslaboren der Pharmaindustrie und an Universitäten, gelingt dies, indem es die Unterstützung seiner Mutteruniversität nutzt, enge Kontakte zu seinen globalen Vertriebsunternehmen und Lizenznehmern pflegt und eine starke Patentposition beibehält, die seine technologische Kernerfindung schützt.
Es begann 1993, als Philippe Gabant, Doktorand in Molekularbiologie, und Dr. Philippe Bernard von der Université Libre de Bruxelles eine neue Technologie entwickelten, mit der sich das Klonen von DNA-Fragmenten vereinfachen ließ. Die Universität meldete ein Patent an, um die Erfindung zu schützen, und lizenzierte die Technologie an ein Unternehmen mit Sitz in Kalifornien. Anfang 1995 brachte dieser Lizenznehmer ein Produkt auf den Markt, das die Technologie nutzte. Gemeinsam mit ihrer Universität gründeten Philippe Gabant und Cédric Y. Szpirer, Forscher beim Nationalen Fonds für Wissenschaftliche Forschung, und Michel C. Milinkovitch, Professor an der Université Libre de Bruxelles, im November 2001 eine Firma, um die zunehmende Zahl der Patente zu verwalten und die Forschung auf dem Gebiet des molekularen Klonens fortzusetzen.
Mit einem Startkapital von nur 200 000 EUR (nur 80 000 EUR davon waren Bargeld) kam ein Erwerb der Patente nicht in Frage, deshalb entschieden sich die Forscher, weiter eng mit der Universität zusammenzuarbeiten. Die Hochschule hält derzeit neun Patente, und Delphi hält die exklusiven Rechte zu ihrer Lizenzierung und zur Vergabe von Unterlizenzen.
Delphis Kunden sind Vertriebsunternehmen, die die Kits (d.h. Entwicklungstools für DNA-Engineering) ankaufen und auf der ganzen Welt an Pharmakonzerne wie GlaxoSmithKline und Sanofi-Aventis, aber auch an Universitätslabore in Europa verkaufen. Zu den wichtigsten Vertriebsunternehmen zählen Takara Bio in Japan und Eurogentec in Europa. In dieser hochspezialisierten Nische gibt es nur wenige Wettbewerber, und die haben ihren Sitz meist in den USA, wie auch der Lizenznehmer des ursprünglichen Patents.
Obwohl der Hauptmarkt für molekulares Klonen und DNA-Engineeringprodukte in den USA liegt, erzielt Delphi 70% seines Umsatzes in Europa. Weitere 15% des Umsatzes entfallen auf Asien und die restlichen 15% auf Amerika.
Delphis Hauptgeschäft besteht im IP-Management, und der Schutz dieser Vermögenswerte könnte wichtiger nicht sein. Philippe Gabant erklärt: "Diese Produkte enthalten Wasser, Salz und ein wenig Intelligenz. Sie lassen sich nachahmen. Es ist außerordentlich wichtig, eine starke Patentposition zu haben, um sicherzustellen, dass andere Unternehmen die Technologie nicht kopieren."
Trotz der Wichtigkeit seines geistigen Eigentums ist Delphi Genetics aber ein kleiner Player, und es werden nur begrenzte Unternehmensressourcen für diese Aufgabe bereitgestellt. Das Jahresbudget für Patente beläuft sich auf 5% bis 10% der Forschungs- und Entwicklungskosten. Glücklicherweise stellt die enge Verbindung zur Universität eine wichtige Unterstützung dar. Dort finden nicht nur Forschung und Entwicklung statt, die Universität trägt auch die Kosten der Patentanmeldungen.
Und so läuft das Patentanmeldeverfahren ab: die Patente werden in der F&E-Phase angemeldet, die Warenzeichen während der Produkterstellungs- und Marketingphase. Geheimhaltung wird als Schutzmethode ebenfalls eingesetzt. Es werden zuerst Patente in den USA angemeldet, da dies kostengünstiger und einfacher ist und auch wegen der Bedeutung des US-Markts. Die Kosten für die erste Anmeldung sind in Amerika relativ gering und das Anmeldeverfahren ist weniger formal. Ein weiterer wichtiger Vorteil des US-Systems ist, dass Unternehmen wie Delphi Genetics, die in einem akademischen Umfeld arbeiten, eine Neuheitsschonfrist von einem Jahr gewährt wird, um nach der Veröffentlichung neuer wissenschaftlicher Forschungsergebnisse ein Patent anzumelden. In Europa muss ein Patent angemeldet werden, ehe die akademische Arbeit veröffentlicht wird, sonst wird die Anmeldung nicht als neu anerkannt. Delphis wissenschaftliche Forschung stellt in der Regel die Basis für die Patentanmeldungen dar. Nach der redaktionellen Bearbeitung und vor der Veröffentlichung einer akademischen Arbeit wird diese einem Patentanwalt übergeben, der aus den Informationen in Zusammenarbeit mit den wissenschaftlichen Autoren des Manuskripts eine Patentanmeldung erstellt. Innerhalb des Prioritätsjahres meldet das Unternehmen auch ein Patent über den internationalen PCT-Weg an. Aus Kostengründen verstärkt das Unternehmen den Patentschutz nur in Märkten, in denen erheblicher Wettbewerb herrscht, wie etwa in den USA, Asien und in europäischen Ländern wie Deutschland, Frankreich und dem Vereinigten Königreich.
Philippe Gabant befasst sich mit IP-Management. Seine Strategie ist es, in erster Linie Zeit und dann erst Geld zu investieren. Er verwendet etwa 10% seiner Arbeitszeit darauf, Fragen von Prüfern von überall auf der Welt zu beantworten und mit Patentanwälten zusammenzuarbeiten. Ein externer Patentanwalt wird in Belgien beauftragt und ein zweiter ist in den USA bestellt. Philippe Gabants Aufgabe ist es auch, neue Patentanmeldungen und mögliche Patentverletzungen im Auge zu behalten, was aber dadurch etwas vereinfacht wird, dass Delphis Patente alle derselben Familie angehören und Delphis Wissenschaftler ständig mit Universitätslaboren in Kontakt stehen. Gegen Bezahlung einer Schutzgebühr nutzt Delphi eine vom belgischen Wirtschaftsministerium verwaltete Datenbank, in der nach Erfindern und neuen Patentanmeldungen gesucht werden kann.
Darüber hinaus informiert Philippe Gabant sich über die neuesten Entwicklungen auf seinem Gebiet, indem er wissenschaftliche Arbeiten liest und gemeinsam mit einem Kollegen die Vertriebsunternehmen bei Kundenbesuchen begleitet, um die Verkäufer und die Endkunden kennenzulernen. Diese Strategie der engeren Zusammenarbeit mit den Vertriebsunternehmen und ihren Kunden trägt dazu bei, dass die Verkäufer der Vertriebsunternehmen besser über die Produkte informiert sind, und sie bietet den Delphi-Managern die Chance, neue Ideen zu ihren Produkten zu entwickeln, wenn sie sehen, wie sie eingesetzt werden.
Die Zeit, die Philippe Gabant aufgewendet hat, um sich mit seinem Marktumfeld vertraut zu machen, hat ihm ein paar augenöffnende Entdeckungen beschert. Es gibt Unternehmen, sagt er, die ihre Produkte erst noch auf den Markt bringen müssen, die aber offenbar Delphis patentierte Technologie verwenden. Sobald die Produkte auf dem Markt sind, wird er dagegen vorgehen, meint er. Wenn er dem vorgreift, kommt das Produkt vielleicht nie auf den Markt und Delphi hat unnötig Geld für Anwaltshonorare ausgegeben. "Wir beobachten das", sagt er. "Wir warten ab, bis sie das Produkt auf den Markt bringen. Dann sagen wir 'stellt die Produktion ein, oder verhandelt mit uns.'"
Philippe Gabant lernte aus erster Hand, was Patentverletzungsklagen kosten. Ende der 1990er Jahre entwickelte ein Wettbewerber in den USA ein Produkt, das auf Delphis patentierter Technologie basierte.
Philippe Gabant wandte sich mit der Bitte um Unterstützung an die Universität. Er musste aber bald einsehen, dass dieser die Idee, rechtliche Schritte gegen eine Patentverletzung einzuleiten, völlig fremd war. Dies gilt übrigens auch für viele andere europäische Hochschulen, die bereit sind, Millionen in Forschung und Entwicklung zu investieren. Die Universität hatte dafür keine Strukturen entwickelt, sagt Philippe Gabant. Delphi war also auf sich selbst gestellt. Die Geschichte nahm ihren Lauf, nachdem Delphi den die Vertragsbestimmungen verletzenden Lizenznehmer der Universität übernommen hatte. Es überrascht vielleicht nicht, dass dessen Unternehmensführung sich auf den Standpunkt stellte, sie sehe keinen Konflikt. Der Fall endete vor dem Schiedsgericht. Zu Delphis Glück gab es ein paar Punkte, die Delphis Vorbringen unterstützten, wie etwa, dass der Lizenzvertrag belgischem Recht unterstand und alle Rechtsstreitigkeiten in Belgien auszutragen waren. Hilfreich war auch, dass das Unternehmen das Produkt seit über zehn Jahren über seinen Katalog verkaufte und beabsichtigte, das auch weiterhin zu tun. Delphi gewann also die Auseinandersetzung und konnte etwas Geld für die Universität und sich selbst erwirken. Aber die Streitigkeit kostete dennoch ca. 11 Mio. EUR in Honoraren im Zusammenhang mit der Schiedsverhandlung (einschließlich Rechtsanwälte und Sachverständige) und das Management etwa sechs Monate seiner Zeit – dies hätte keine Patentversicherung jemals übernommen. Philippe Gabant bleibt zuversichtlich: "Wir haben in der Regel kein Geld, um gegen Patentverletzungen vorzugehen", sagt er. "Wer eine gute Technologie hat, muss damit rechnen, dass sie irgendwann kopiert wird. Damit muss man leben. Wenn die Technologie nicht gut ist, wird sie auch nicht kopiert."
Aus dieser Erfahrung hat das Team einige wertvolle Lektionen gelernt. Der Lizenzvertrag war für eine Laufzeit von zehn Jahren geschlossen worden, wobei die ersten sieben Jahre vergangen waren, ohne dass die Unternehmen sich gegenseitig besucht hatten. Philippe Gabant meint, ein wenig zwischenmenschlicher Kontakt wäre hier sehr hilfreich gewesen. Lizenzverträge sollten Bestimmungen enthalten wie etwa, dass alle sechs Monate ein Meeting stattfindet. Das erinnert den Lizenznehmer daran, wem die Technologie eigentlich gehört, auch wenn die Hauptansprechpartner im Laufe der Jahre wechseln. Das ist eine kostengünstige Strategie, bei der nur Flugtickets und Zeit investiert werden müssen, sagt Philippe Gabant, und sie hat noch einen weiteren Vorteil: es ist auch für die Produktentwicklung gut, engeren Kontakt zu den Unternehmen zu pflegen, die die Technologie einsetzen. Bei einem exklusiven Lizenzvertrag sollte das Unternehmen auch den Zeitraum einschränken, währenddessen es Exklusivrechte gewährt.
Eine weitere Herausforderung waren die Verhandlungen mit europäischen Universitäten über die Nutzung ihrer patentierten Technologien. Die Aushandlung einer Art von Technologietransfer kann Monate dauern und letztendlich nichts bringen, sagt Philippe Gabant. Er zieht es deshalb vor, mit amerikanischen Universitäten zusammenzuarbeiten, die wie er sagt ein etabliertes Verfahren für die Bearbeitung derartiger Anfragen und die Ausarbeitung von Vereinbarungen haben. So lassen sich innerhalb weniger Wochen Verträge schließen.
Phlippe Gabant sagt, Patentanmeldungen in Europa sind nicht zuletzt wegen der Übersetzungskosten zu teuer. Tatsächlich meldet Delphi seine Patente nicht zuerst in Belgien an, wo die Kosten einer Patentanmeldung relativ niedrig sind, weil die Patentanmeldung in Französisch, Niederländisch oder Flämisch verfasst sein muss, Delphis Unternehmenssprache aber Englisch ist. Er erläutert, dass es auch für die Wissenschaftler, die in Bezug auf ihre Erfindungen hohe Anforderungen stellen, schwer ist, sicher zu gehen, dass ihre Gedankengänge noch richtig erläutert werden, nachdem sie für Patentanmeldungen auf europäischer Ebene weiter übersetzt werden: "Englisch ist nun mal die Sprache der Wissenschaft."
Delphi Genetics' Kerngeschäft ist das Management der von der Université Libre de Bruxelles gehaltenen Patente für z.B. die Positivselektion von Klonen durch Anwendung des "ccdB poison gene protocol". Darüber hinaus konzentriert sich das Unternehmen auf Leistungen im Bereich des molekularen Klonens und DNA-Engineerings von E.coli bis zu Mäusen und befasst sich mit der Forschung und Entwicklung neuer molekularer Klon-Lösungen sowie der Produktion von Kits für ihre Anwendung im Labor.
Delphi Genetics ist ein Spin-off-Unternehmen, das im November 2001 von Philippe Gabant (CEO), Cédric Y. Szpirer (Leiter Produktentwicklung), Michel C. Milinkovitch (Leiter Forschung) und der Université Libre de Bruxelles gegründet wurde.
Mitarbeiter: 9, darunter zwei der Unternehmensgründer
Delphi Genetics
Rue Clément Ader, 16
B-6041 Charleroi
Belgium
www.delphigenetics.com
Patentschutz: 2 Patentfamilien
Reihenfolge der Patentanmeldungen: Zuerst in den USA, dann im PCT-Verfahren
IP-Abteilung: Der Gründer verwaltet die Patente mit Unterstützung durch zwei externe Patentanwälte und die beteiligte Universität selbst
IP-Budget: 5% bis 10% der F&E-Ausgaben
Herausforderungen: Finanzieller und zeitlicher Aufwand der Verfolgung von Patentverletzungen, Übersetzungskosten
Empfehlungen: Die Unternehmen sollten in ihre Lizenzverträge aufnehmen, dass sie den Gesetzen ihres eigenen Landes unterstehen und regelmäßige Meetings der beiden Vertragsparteien vorsehen
Europäisches Patentamt
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