https://www.epo.org/de/about-us/social-responsibility/art/50-years-epc-exhibition/next-generation-statements-colab-international-peace/flo-kasearu

Flo Kasearu (*1985 Pärnu, EE)

Uprising 14 & 17, erworben 2022 von der Kunstsammlung des EPA

Jedes Projekt von Flo Kasearu beginnt mit einer offenen Frage. Die Künstlerin untersucht die Beziehung zwischen Ernsthaftigkeit und Humor, Strenge und Witz und spielt mit den Möglichkeiten. Kasearu lebt in der estnischen Hauptstadt Tallinn und findet die Materialien und Themen ihrer Werke in verschiedenen Szenarien direkt vor ihrer Haustür. Ihre Gruppe von Werken mit dem Titel Uprising (2015 – 2018) enthält Drohnenbilder, die bei Instandhaltungsarbeiten an einem Gebäude im Tallinner Stadtteil Pelgulinn aufgenommen wurden. Das dabei abgetragene Dachblech wurde in Formen gefaltet, die an luftige Papierflieger erinnern. Die Ergebnisse sind in den gerahmten Artefakten an diesen Wänden und – in größerem Format – im Video zu sehen. Das Video beginnt mit friedlichen Skyline-Ansichten, die praktisch jeden grünen Vorort in Europa an einem sonnigen Herbsttag zeigen könnten. 

Die Metallfiguren erinnern an die Machtdemonstrationen einer militärischen Flugshow, zeigen aber gleichzeitig eine Exitstrategie auf: das Überqueren von Landesgrenzen auf dem Luftweg oder auch die Frage der Ein- oder Auswanderung. Das leicht absurde Flugzeug-Szenario, dicht gedrängt an beiden Seiten des Daches im Video, deutet unheilvoll auf eine Pattsituation hin, während das freigelegte Dach schutzlos den Elementen ausgeliefert ist. Dies ist eines von mehreren Werken, mit denen Kasearu auf die gespannten Beziehungen zwischen Russland und dem Westen reagierte. Heute könnten diese Werke als Vorspann zu den Zerstörungen in der Ukraine gesehen werden, bei denen bis Anfang 2023 Zehntausende von Toten und über 8,1 Millionen Flüchtlinge (meist Frauen und Kinder) zu beklagen waren, sowie 5,3 Millionen Binnenflüchtlinge in der Ukraine selbst.

Doch gleichzeitig sind es Werke, die von Widerstandskraft zeugen. Das Gebäude, aus dem das Metall stammt, ist das Elternhaus der Künstlerin, das gleichzeitig der Standort von "Flo Kasearus Haus-Museum" ist, in dem viele weitere ihrer Werke zu sehen sind, unter anderem zur Ethik der Nachhaltigkeit durch Verwendung und Wiederverwendung lokal verfügbarer Materialien und Do-it-yourself-Projekte. Allgemein handeln ihre künstlerischen Arbeiten oft vom postsowjetischen Erbe Estlands und seiner marktwirtschaftlichen Realität sowie den Schwierigkeiten, mit denen beides verbunden ist. Vielleicht liefert Uprising heute vor allem die Einsicht, dass Nachhaltigkeit ohne Frieden nicht möglich ist.