Larry Gold, Craig Tuerk
Wichtiges biochemisches Screening-Verfahren, mit dessen Hilfe einzigartige Oligonukleotide ermittelt werden sollen, die an spezifische, krank machende Proteine anbinden können
Europäischer Erfinderpreis 2006 in der Kategorie "Außereuropäische Staaten"
Larry Gold und Craig Tuerk (NeXstar Pharmaceuticals, Boulder, USA) haben mit ihrer SELEX-Technologie ein wichtiges biochemisches Screening-Verfahren entwickelt, mit dessen Hilfe einzigartige Oligonukleotide ermittelt werden sollen, die an spezifische, krank machende Proteine anbinden können. Diese bahnbrechende Erfindung führte zur Entwicklung eines Aptamers oder Medikaments mit dem Namen Macugen, das in der Augenheilkunde angewendet wird und in Europa in den kommenden Wochen zugelassen werden soll. Außerdem besteht die Hoffnung, dass die SELEX-Technologie zur Entwicklung von Krebsmedikamenten und im Kampf gegen AIDS hilfreich sein könnte.
Krankheiten in den Griff bekommen
Die amerikanischen Wissenschaftler Larry Gold und Craig Tuerk haben in einem Labor der Colorado University 1989 etwas entdeckt, was das Leben von Menschen mit altersbedingter Makuladegeneration – der Hauptursache für Erblindung bei Über-50-Jährigen – verändern könnte.
Gold und Tuerk haben ein Verfahren entwickelt, dem sie den Namen "Systematic Evolution of Ligands by Exponential Enrichment" (kurz: SELEX) gegeben haben. SELEX (Patent EP0533838, Datum der Veröffentlichung und des Hinweises auf die Erteilung des Patents: 3. Dezember 1997) beschreibt die Entdeckung, dass Nukleinsäuren sich an jedes Protein und damit potenziell auch an krank machende Proteine binden und diese stoppen können.
Sechzehn Jahre später wurde Macugen (eine Pegaptanib-Natrium-Injektion) in den USA vorgestellt, und seit Februar 2006 ist das Medikament in Europa zugelassen und legal erhältlich. Das Mittel beruht auf der Entdeckung von Gold und Tuerk. Es verlangsamt die feuchte altersbedingte Makuladegeneration (in manchen Fällen bringt es sie sogar zum Stillstand), indem es einen wesentlichen Botenstoff blockiert, der dazu führt, dass Blutgefäße im Auge in ungewöhnlicher Weise wachsen und einbluten. Diese Einblutungen (daher die Bezeichnung "feuchte" Makuladegeneration) rund um das Zentrum der Netzhaut verursachen bei den Patienten blinde Flecken und eine Abnahme der Sehschärfe.
"Das ist ein wichtiger Fortschritt, weil es für diese Patientengruppe bisher keine Therapieempfehlung gab", erklärt Adnan Tufail, beratender Augenarzt am britischen Krankenhaus Moorfields, dem größten auf Augenheilkunde spezialisierten Krankenhaus der Welt. Verteporfrin, das beste bisher bestehende Therapeutikum, wirkt nur bei einem Viertel der Patienten; Macugen könnte dagegen möglicherweise flächendeckend helfen.
Das Interesse der Augenärzte an dem neuen Medikament ist sehr hoch. Ursprünglich bestand jedoch sowohl im Labor in Colorado als auch in den danach von Larry Gold gegründeten Unternehmen die Hoffnung, dass SELEX auch zur Entwicklung von Medikamenten gegen Krebs und gegen AIDS führen könnte. Den Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler bei Golds Unternehmen NeXagen (später NeXstar Pharmaceuticals) fiel es jedoch schwer, ein Aptamer (also ein Molekül, das an ein anderes Molekül binden kann) zu entwickeln, das einerseits kostengünstig war und sich andererseits wie gewünscht verhielt.
Gleichzeitig drängte der Risikokapitalgeber Warburg Pincus darauf, dass Gold Anwendungen entwickeln solle, die ein größeres Ertragspotenzial böten. Auf deutsch: Behandlungen gegen schlagzeilenträchtige Leiden wie Krebs. Erst als Gilead im Jahr 1999 NeXstar übernahm und sich mit (OSI) EyeTech zusammentat, wurde der Durchbruch wirklich als Grundlage zur Behandlung der altersbedingten Makuladegeneration genutzt. In den ersten zehn Wochen nach der Marktzulassung in den USA erzielte (OSI) EyeTech mit Macugen einen Bruttoumsatz von 25,4 Millionen USD.
"In lediglich zehn Wochen hat Macugen unseres Erachtens die Behandlung der neovaskulären altersbedingten Makuladegeneration grundlegend verändert", schrieb David Guyer, der CEO von Eyetech, im Finanzbericht des Unternehmens für das erste Quartal 2005.
Im Bull Market Biotech Investor, der langfristige Anlageempfehlungen abgibt, heißt es etwas vorsichtiger: "Einige Analysten prognostizieren für Macugen einen Umsatz von bis zu 1 Milliarde USD pro Jahr. Das erscheint aggressiv, wenn man bedenkt, dass das Medikament lediglich gegen die feuchte altersbedingte Makuladegeneration eingesetzt werden kann."
In Europa sind die Versuchsreihen für Macugen inzwischen abgeschlossen, und die Zulassung seitens der EMEA ist erfolgt. Nun müssen die zuständigen Stellen in den einzelnen Ländern entscheiden, ob Kosten und Nutzen des Medikaments einen Einsatz in ihrem Zuständigkeitsbereich rechtfertigen.
"Macugen wird im kommenden Jahr zu unterschiedlichen Zeitpunkten in unterschiedlichen (europäischen) Ländern verfügbar werden", so Elisa Artime, Vertreterin von Macugen in Großbritannien.
Die ersten Patienten in Großbritannien werden bereits mit Macugen behandelt. Also werden die Europäer wohl bald wissen, ob Macugen die Behandlung der altersbedingten Makuladegeneration tatsächlich so revolutioniert wie erhofft.
Die beiden Erfinder sind seit ihrer Entdeckung sehr unterschiedliche Wege gegangen: Tuerk verließ NeXagen bereits 1994, also viele Jahre, bevor Macugen aus seiner Erfindung hervorging. Derzeit lehrt er Biochemie und Genetik an der Morehead State University in Kentucky.
Sein Kollege Gold setzt seine Arbeit an Aptameren beim von ihm gegründeten Unternehmen SomaLogic fort. Dr. Gold wurde 1993 zum Mitglied der American Academy of Arts and Sciences und 1995 zum Mitglied der National Academy of Sciences ernannt.
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