Paula Videira und Team

Antikörper zur Erkennung und gezielten Bekämpfung von Krebszellen

Preiskategorie
Forschung
Technisches Gebiet
Medizintechnik
Hochschule
NOVA University Lisbon, IPO Porto, HZDR
Wie unterscheidet man gesundes Gewebe von einer Krebszelle? Für dieses Rätsel haben Paula Videira und ihr Team nun eine Lösung entwickelt: den monoklonalen Antikörper L2A5. L2A5 zielt auf einzigartige Signaturen ab, die ausschließlich an der Oberfläche von Tumorzellen zu finden sind, sodass eine präzise Erkennung möglich ist. Das bietet wiederum neue Möglichkeiten für eine zuverlässigere Diagnose und erleichtert die Entwicklung gezielter Therapien.

2024 wurden in der Europäischen Union geschätzt 2,7 Millionen neue Krebsfälle verzeichnet. Für viele aggressive Tumore wie Bauchspeicheldrüsenkrebs oder triple-negativer Brustkrebs gibt es keine zuverlässigen oder gut definierten Biomarker, was ihre Erkennung deutlich erschwert. Die Beschaffenheit der Glykane, kurze Zuckerketten, die unsere Zellen "ummanteln", macht die Identifizierung der Zellen noch komplizierter. Diese Zuckermoleküle sind normaler Bestandteil der Zellstruktur. Krebszellen weisen jedoch veränderte, abgeschnittene Versionen dieser Moleküle auf, die als Tumor-assoziierte Glykan-Antigene bezeichnet werden. Videira machte sich mit ihrem Team daran, einen Antikörper zu entwickeln, der diese bösartigen Zellen präzise von gesundem Gewebe unterscheiden kann. 

So entwickelte das Team den L2A5-Antikörper, der auf das Sialyl-Tn (STn)-Antigen abzielt, eine kleine Struktur, die an der Oberfläche von rund 80 % aller Krebszellen zu finden ist, nicht aber an gesunden Zellen. L2A5 unterscheidet sich von früheren Antikörpern vor allem dadurch, dass er Krebszellen mit größerer Genauigkeit erkennen kann. Frühere Anti-Glykan-Instrumente banden nicht stark genug mit Krebszellen oder reagierten fälschlicherweise mit gesunden Zellen. Dank distinktiver Sequenzmuster in seinen bindenden Regionen kann L2A5 mehrere eng miteinander verwandte Krebsmarker gleichzeitig erkennen. Die L2A5-Sequenz kann dank ihrer großen Präzision in verschiedene Formate angepasst werden, beispielsweise in Chemoimmunkonjugate (ADC), die Wirkstoffe direkt in Tumorzellen liefern, oder CAR-T-Zell-Therapien, die das Immunsystem des Patienten "trainieren", sodass es STn-positive Zellen angreift. 

Schritt für Schritt der Lösung auf der Spur

Während ihres Masterstudiums und ihrer anschließenden Doktorarbeit begann Videira, sich für Glykobiologie zu interessieren, und wurde von einer zentralen Frage vereinnahmt: Warum weisen Tumorzellen gekürzte, anormale Glykane an ihrer Oberfläche auf, die in gesunden Zellen in der Regel versteckt sind? Dieses Rätsel und persönliche Erfahrungen mit Krebs innerhalb des Teams wiesen der Gruppe den Weg. Schritt für Schritt entwickelte das Team L2A5. Videira erinnert sich; "Es gab nicht den einzelnen Heureka-Moment. Vielmehr waren es mehrere kleine Schritte. Mit jedem Experiment wuchs unsere Zuversicht." 

Frühe Studien zeigten, dass sich der L2A5-Antikörper an Tumorzellen verband, gesundes Gewebe aber verschonte. Diese Erkenntnis legte die Richtung der weiteren Arbeit fest. Spätere Sequenzanalysen bestätigten, dass die bindenden Regionen des Antikörpers einzigartig sind, dass L2A5 unbestritten neu ist – und damit die wissenschaftliche Grundlage für eine Patentanmeldung bildet. 

In 2019, das Patent wurde angemeldet. Im selben Jahr gründeten Videira und ihr Team CellmAbs, das Patent wurde von NOVA an CellmAbs lizenziert. Zusammen mit externen Patentanwälten erarbeiteten sie Patentansprüche und planten die nächsten Entwicklungsschritte. Die Patentanmeldung zeigte den Weg für zukünftige kommerzielle Entscheidungen auf. 2024 schlossen CellmAbs und NOVA eine Patentübertragung und Lizenzvereinbarung mit einem Pharmaunternehmen ab, das die weitere Entwicklung von L2A5 übernahm.  

L2A5 ist das Ergebnis einer engen Zusammenarbeit zwischen der Neuen Universität Lissabon, dem portugiesischen Franisco-Gentil-Institut für Onkologie und dem Helmholtz‑Zentrum Dresden‑Rossendorf. Videira erklärt: "Unsere Arbeiten haben sich nie auf eine einzige Disziplin beschränkt. Jeder Partner hat wichtiges Know-how eingebracht und ohne diese Zusammenarbeit wäre die Technologie heute nicht so weit." 

Über die Erfinderin

Paula Videira forscht auf dem Gebiet der Glykobiologieforschung und ist ordentliche Professorin an der Fakultät für Wissenschaften und Technologie der Neuen Universität Lissabon | NOVA FCT und Direktor der Forschungseinheit UCIBIO. Sie arbeitet seit 2008 an der NOVA, wo sie nach und nach die akademischen Stufen durchlief und als Leiterin der Forschungsgruppe Glycoimmunology ein führendes Forschungsprogramm im Bereich der Glykobiologie aufbaute. Ihre akademische Laufbahn begann sie mit einem Diplom in Biochemie in Coimbra, auf das ein Masterstudium und ein Promotionsstudium in Biotechnologie folgten. Ihr langjähriges Interesse an Glykanen, einem früher unterschätzten Gebiet der Biologie, nahm wesentlichen Einfluss auf ihre Karriere und ihren Forschungsschwerpunkt der Tumor-assoziierten Zuckerstrukturen.

Media gallery

Patentnummer

Related finalists