9.1.7 Beurteilung von Merkmalen, die sich auf Meta-Methoden zur Erstellung von Software beziehen

Rein konzeptionelle Aspekte der Planung und Entwicklung von Software tragen nach der ständigen Rechtsprechung der Beschwerdekammern normalerweise nicht zur erfinderischen Tätigkeit bei (T 983/10; s. z. B. T 49/99, T 1171/06 und T 354/07).

In T 354/07 hatte die Anmeldung ein Verfahren zur Erzeugung von Softwareprogrammen mittels einer EDV-Anlage zum Gegenstand. Die Kammer wies darauf hin, dass die Softwareentwicklung und -erstellung in mehreren Phasen erfolgt, beginnend bei der Anforderungsanalyse über diverse Entwurfsphasen bis hin zu der Implementierung der Software. In all diesen Phasen ist sie dem Wesen nach eine gedankliche Tätigkeit, vergleichbar mit der Konstruktionstätigkeit eines Ingenieurs, auch wenn zu ihrer Unterstützung Programmierwerkzeuge zum Einsatz kommen und Gegenstand der Konstruktion ein technisches System ist. Die Konzipierung und Programmierung insbesondere komplexer Systeme erfordern zwar ingenieurmäßiges Handeln und die Anwendung technischer Fachkenntnisse, der unmittelbar angestrebte und erzielte Erfolg in jeder dieser Entwicklungsphasen ist jedoch nicht die technische Lösung eines technischen Problems, sondern eine Anforderungsspezifikation, ein Daten-, Prozess- und/ oder Funktionsmodell, oder ein Programmcode. Erst recht gilt diese Beurteilung für Meta-Methoden, die auf einem noch abstrakteren Niveau den Prozess der Softwareerstellung selbst zum Gegenstand haben, indem sie beispielsweise dem Softwareentwickler eine Handlungsanleitung geben, wie der Entwurfsprozess strukturiert und organisiert oder welche Modellierungsmethoden angewendet werden sollen. Solche konzeptionellen Verfahren und Meta-Methoden der Softwareerstellung weisen in der Regel keine für die Patentierbarkeit relevanten technischen Merkmale auf und können daher die erfinderische Tätigkeit nicht begründen, es sei denn, dass im Einzelfall ein direkter Kausalzusammenhang mit einem für die Lösung eines technischen Problems relevanten technischen Effekt nachgewiesen werden kann. Ein solcher technischer Effekt war im vorliegenden Fall nicht erkennbar.

In T 42/10 und T 1281/10 definierte Anspruch 1 ein Verfahren, das abhängig vom Ausgang von Spielen Angaben zur Geschicklichkeit der Spieler berechnete, indem Nachrichten zwischen den Knoten eines Faktorgraphen übermittelt wurden. Die Kammer hatte darüber zu befinden, inwieweit die Merkmale des Anspruchs technischen Charakter hatten und so zur erfinderischen Tätigkeit beitragen konnten. Die Kammer verwies auf die Entscheidung des Court of Appeal of England and Wales in der Sache Gale's Application [1991] RPC 305. Der Ansatz der Kammer zur Beurteilung der Frage, was bei einem computerimplementierten Verfahren technisch ist und was nicht, bestand im vorliegenden Fall darin, dieselben Fragen zu stellen wie Lord Justice Nicholls in Gale's Application. So lautete die erste Frage: Was bewirkt das Verfahren als Ganzes, und erzielt es ein technisches Gesamtergebnis? Die zweite Frage lautete: Falls es kein technisches Gesamtergebnis gibt, hat das Verfahren dann zumindest eine technische Wirkung innerhalb des Computers? Wenn beide Fragen verneint werden, wurde keine technische Aufgabe gelöst, und eine erfinderische Tätigkeit liegt nicht vor. Der Standpunkt der Kammer in Bezug auf die Technizität lässt sich wie folgt zusammenfassen: Das übergeordnete Ziel, das Interesse der Spieler aufrechtzuerhalten, hat keinen technischen Charakter. Das Zwischenziel, die Spielleistung zu beurteilen und zu vergleichen, hat keinen technischen Charakter. Die Darstellung der Leistung anhand von Wahrscheinlichkeitsverteilungen und deren Aktualisierung sind mathematische Verfahren. Die Verwendung von Faktorgraphen mit Übermittlung von Nachrichten fällt in die Mathematik oder in die abstrakte Informatik. Die Kammer gelangte zu dem Schluss, dass das einzige in diesem Anspruch definierte technische Merkmal der Prozessor (des Computers) war. Der Gegenstand von Anspruch 1 beruhte somit nicht auf einer erfinderischen Tätigkeit, wenn es für den Fachmann, der das Verfahren umsetzen sollte, naheliegend gewesen wäre, einen Computerprozessor zu verwenden.

In T 1539/09 richtete sich die Erfindung auf eine grafische Programmiersprache und -umgebung, die es einem Anwender ermöglichen sollte, ohne großen Lernaufwand oder besondere Expertise Programmcode zu erzeugen. Die Wirkung, den mentalen Aufwand des Anwenders bei der Programmerstellung zu reduzieren, war an sich nach Ansicht der Kammer keine technische. Das galt umso mehr, als sie für alle Programme gleichermaßen angestrebt wurde, also unabhängig davon, welchem Zweck das entwickelte Programm dienen sollte (s. T 741/11). Die Kammer stellte fest, dass die Tätigkeit des Programmierens – im Sinne des Formulierens von Programmcode – ein mentaler Vorgang ist, wenigstens soweit sie nicht im Rahmen einer konkreten Anwendung oder Umgebung in kausaler Weise der Erzielung einer technischen Wirkung dient. Die Definition und Bereitstellung einer Programmiersprache trägt daher per se nicht zur Lösung eines technischen Problems bei, selbst wenn die Wahl der programmiersprachlichen Ausdrucksmittel dazu dient, den mentalen Aufwand des Programmierers zu reduzieren (s. auch T 2270/10).

In T 1630/11 wurde ein Verfahren zur Simulierung eines Mehrprozessorsystems in einer elektronischen Vorrichtung für nicht erfinderisch befunden. Der Beschwerdeführer hatte argumentiert, die Erfindung befähige die Nutzer zur effizienten Modellierung und Simulierung eines Mehrprozessorsystems. Die Kammer befand, dass Anspruch 1 großteils Darstellungen einer grafischen Programmierungsumgebung betrifft, zu denen in T 1539/09 (Nr. 5 der Gründe) festgestellt wurde, dass sie nicht zur erfinderischen Tätigkeit beitragen (s. auch T 2270/10, Nr. 7 der Gründe). Die Kammer folgte ihrer früheren Rechtsprechung, derzufolge Änderungen an einer Programmiersprache oder an einem System, die eine einfachere und damit wohl auch schnellere und präzisere Programmentwicklung ermöglichen, keinen technischen Beitrag zum Stand der Technik leisten.

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