2.4.2 Aus der Entscheidung muss nachweislich erkennbar sein, dass das Vorbringen gehört und berücksichtigt wurde

Die entscheidende Instanz muss das Vorbringen nachweislich anhören und berücksichtigen (T 206/10 unter Hinweis auf T 763/04, T 246/08; s. auch T 1709/06, T 645/11). Die bloße Wiedergabe des Vortrags der Parteien genügt nicht; vielmehr muss aus den Gründen hervorgehen, dass bei der Entscheidungsfindung auch eine inhaltliche Auseinandersetzung mit deren Kernargumenten stattgefunden hat (T 2352/13).

Wenn eine Entscheidung das Vorbringen eines Beteiligten nicht berücksichtigt und auf einen Grund gestützt wird, zu dem sich der Beteiligte nicht äußern konnte, liegt ein Verstoß gegen Art. 113 (1) EPÜ und somit ein wesentlicher Verfahrensmangel vor (J 7/82, ABl. 1982, 391; T 1039/00, T 778/98, T 1312/10). Wird die Entscheidung, eine Anmeldung zurückzuweisen, auf mehrere durch entsprechende Argumente und Beweise erhärtete Gründe gestützt, ist es von fundamentaler Bedeutung, dass die Entscheidung als Ganzes den Anforderungen des Art. 113 (1) EPÜ gerecht wird (T 1034/11).

In T 763/04 stellte die Kammer fest, dass Art. 113 (1) EPÜ verletzt wird, wenn Tatsachen und Argumente, die dem Vorbringen des Beschwerdeführers zufolge für die Verteidigung seiner Sache eindeutig von zentraler Bedeutung sind und gegen die erlassene Entscheidung sprechen könnten, in der betreffenden Entscheidung völlig außer Acht gelassen werden. S. auch T 1898/11, T 2227/09 und T 1206/12. T 740/93 zufolge sollte die Entscheidung zusätzlich zur logischen Verknüpfung von Sachverhalten und Gründen zumindest einige Ausführungen zu den kritischen Streitfragen enthalten. In T 1557/07 entschied die Kammer, dass die Prüfungsabteilung auf die wichtigsten Streitpunkte eingegangen war und den Anmeldern so eine Vorstellung davon vermittelt habe, warum ihr Vorbringen nicht überzeugen konnte.

In T 238/94 stellte die Kammer fest, dass die Einspruchsabteilung in ihrer Entscheidung zwar nirgends direkt auf das Vorbringen des Beschwerdeführers zur mangelnden erfinderischen Tätigkeit Bezug genommen hatte, aber sehr wohl auf die Offenbarung aller vom Beschwerdeführer und vom Beschwerdegegner angezogenen Dokumente und auch auf mögliche Kombinationen ihrer Lehren eingegangen war. Auf diese Weise wurde das Vorbringen des Beschwerdeführers nach Auffassung der Kammer bei der Entscheidungsfindung zumindest indirekt berücksichtigt (s. auch T 1004/96).

In T 1843/11 machte der Beschwerdeführer einen wesentlichen Verfahrensmangel geltend, weil ein von ihm vorgebrachtes Argument betreffend die ausreichende Offenbarung in der Entscheidung der Einspruchsabteilung nicht aufgegriffen worden sei. Die Kammer erinnerte daran, dass nach R. 111 (2) EPÜ Entscheidungen des Europäischen Patentamts, die mit der Beschwerde angefochten werden können, zu begründen sind. Obwohl die Einspruchsabteilung nicht verpflichtet ist, jedes einzelne Argument eines Beteiligten aufzugreifen (s. dieses Kapitel III.B.2.4.3), muss dieser objektiv nachvollziehen können, ob die Entscheidung berechtigt ist. Die Entscheidung sollte zumindest einige Ausführungen zu wichtigen Streitpunkten in der Argumentation enthalten, damit der Betroffene eine ausreichende Vorstellung davon erhält, warum seine Vorbringen nicht überzeugen, und er seine Beschwerdebegründung auf die entsprechenden Punkte stützen kann (s. T 70/02). Das Versäumnis der Einspruchsabteilung, in ihrer Entscheidung zu begründen, warum das Argument des Beschwerdeführers den wichtigen Einwand nach Art. 83 EPÜ nicht ausräumen konnte, stellte der Kammer zufolge einen wesentlichen Verfahrensmangel dar. Die Erfordernisse von Art. 113 (1) EPÜ sind nicht schon dadurch erfüllt, dass der Beschwerdeführer die Gelegenheit hatte (und in Anspruch nahm), sein Argument vorzubringen: Die Einspruchsabteilung muss das Argument auch nachweislich anhören und berücksichtigen (s. T 763/04). Weil sie dies in der vorliegenden Sache nicht getan hatte, lag ein wesentlicher Verfahrensmangel vor.

In dem T 1411/07 zugrunde liegenden Verfahren hatte der Patentinhaber die Zulässigkeit des Einspruchs wegen mangelnder Substantiierung bestritten. Die Einspruchsabteilung hatte jedoch ohne Begründung festgestellt, dass der Einspruch zulässig sei. Die Kammer sah das Fehlen jeglichen Hinweises der Einspruchsabteilung auf die Erwägungen des Patentinhabers als Verstoß gegen R. 68 (2) EPÜ 1973 (R. 111 (2) EPÜ) und als wesentlichen Verfahrensmangel an.

In T 655/13 entschied die Kammer, die Prüfungsabteilung müsse eine Übersetzung zumindest der ihrer Argumentation zugrunde liegenden längeren Passage aus D1 vorlegen oder diese Passage so eindeutig wie möglich angeben, damit die Beschwerdeführer (und ggf. die Kammer) nachvollziehen und überprüfen können, ob die Prüfungsabteilung ihre Eingaben berücksichtigt und somit ihr rechtliches Gehör gewahrt hat.

In T 1385/16 war in der angefochtenen Entscheidung nicht erörtert worden, was der Beschwerdeführer mit Schreiben vom 12. Dezember 2012 und 17. August 2012 zur Anwendung der Richtlinien H‑V, 3.2.1 und H‑V, 3.1 in der damals geltenden Fassung vorgebracht hatte; diese Richtlinien waren seiner Meinung nach für die Beurteilung der Frage relevant, ob die Änderung eine unzulässige Zwischenverallgemeinerung darstellt. Tatsächlich stellte die Kammer fest, dass dieses Vorbringen dem Anschein nach im gesamten Prüfungsverfahren nicht angemessen erörtert wurde. Da die Prüfungsabteilung es versäumt hatte, grundlegendes Vorbringen des Beschwerdeführers in der angefochtenen Entscheidung anzusprechen, entschied die Kammer, dass ein wesentlicher Verfahrensmangel vorlag.

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