Europäischer Erfinderpreis

Europäer setzt weltweiten Goldstandard für Zahnimplantate

Mit dem richtigen Biss und einem strahlenden Lächeln lassen sich in Europa gute Geschäfte machen, denn 42 % des Weltmarkts für Zahnimplantate entfallen auf Europa. Analysten bescheinigen der von einem halben Dutzend Firmen dominierten Branche mit einem Umsatzvolumen von 2,2 Mrd. EUR ein beachtliches Wachstumspotenzial. Gründe dafür sind die zunehmende Sensibilisierung für das Thema sowie die Bereitschaft der gut situierten Baby-Boomer-Generation, sich ein perfektes Gebiss etwas kosten zu lassen.

Eine zentrale Position auf diesem Markt nimmt der Schwede Per-Ingvar Brånemark ein, der in der renommierten Kategorie Lebenswerk für den Europäischen Erfinderpreis 2011 nominiert ist. Die feierliche Preisverleihung findet dieses Jahr am 19. Mai in Budapest statt.

Anlass für die Ehrung ist die wegweisende Arbeit des schwedischen Erfinders auf dem Gebiet der Zahnimplantologie. Vor Brånemarks Zeiten ging Zahnverlust bzw. Zahnlosigkeit oft mit einer deutlichen Minderung der Lebensqualität einher. Zahnausfall durch Alter, Krankheit, unzureichende Mundhygiene oder physische Verletzungen hatte, wenn keine Abhilfe geschaffen wurde, gravierende Folgen: von der eingeschränkten Kaufähig­keit (und weiteren gesundheitlichen Problemen aufgrund veränderter Essgewohnhei­ten) bis hin zu einem erheblich entstellten Äußeren.

Brånemarks Kaninchennummer

1952 erfuhr Brånemark von einem Versuch an der Universität Cambridge, bei dem Forscher erfolgreich einem Kaninchen eine Kammer aus Titan in das Weichgewebe des Ohres implantiert hatten. Überraschenderweise wurde das Titan nicht abgestoßen.

Brånemark spekulierte darauf, dass auch menschliches Gewebe Titan nicht abstoßen würde, und begann eigene Versuche. 1965, mehr als 10 Jahre nach Bekanntwerden des Cambridge-Experiments, gelang ihm ein bahnbrechender Fortschritt bei der Behandlung von Zahnlosigkeit, als er einem Patienten erstmals erfolgreich Titanimplantate einsetzte. Es gab keinerlei unerwünschte Reaktion, im Gegenteil: das Titan hatte sich praktisch in das lebende Gewebe eingefügt.

Brånemark sah stets nach vorn. Über die Jahre hat der Schwede seine Methode ‑ die Osseointegration (vom lateinischen Wort "os" für Knochen) ‑ so verfeinert, dass sie heute weltweit zum Goldstandard der Zahnimplantologie geworden ist.

"Das Besondere am Phänomen der Osseointegration ist, dass Titan, Knochen und Knochenmark auf Nanoebene eine Verbindung eingehen, die ohne Gewaltanwendung nicht mehr zu trennen ist. Noch verblüffender ist, dass sie sogar bei hoch betagten Patienten funktioniert, bei 90- oder 100-Jährigen", so Brånemark. 

Vermarktung der Implantate

1978 ‑ dreizehn Jahre nach dem ersten gelungenen Einsatz eines Humanimplantats ‑ war der Grundstein für den kommerziellen Erfolg der Erfindung gelegt, als das schwedische Gesundheitsministerium die Implantationsmethode zur klinischen Anwendung zuließ.

Zusammen mit Brånemark begann der schwedische Rüstungshersteller Bofors AB mit der Vermarktung der zugelassenen Dentaltechnologie und gründete 1981 die Tochtergesell­schaft Nobelpharma AB (heute Nobel Biocare), die Zahnersatz auf der Grundlage der patentierten Technik anbietet.

Aufstieg zum Weltmarktführer

Brånemarks Erfindung und die Weiterentwicklung der Osseointegration haben entschei­dend zum Erfolg von Nobel Biocare als Weltmarktführer beigetragen. Sein Patent war das erste überhaupt für diese Art von Technologie. Seither hat der Erfinder mehr als 57 Patentfamilien angemeldet, d. h. Patente für dieselbe Erfindung, die aber in verschie­denen Ländern beantragt werden.

Die Titanimplantate, denen Brånemark zum Durchbruch verhalf, stellen heute das Standardverfahren der Zahnimplantologie dar. In den ersten zwei Jahren nach dem Eingriff beträgt die Erfolgsquote beeindruckende 90 ‑ 95 % und über die durchschnittliche Lebensdauer erstaunliche 98 %.

"Es war klar, dass die erteilten Patente in vielen Ländern für wachsendes Interesse an dieser Technologie sorgen und die Verbreitung erleichtern würden", sagt Brånemark.

Inzwischen kommen Nobel Biocare und der Konkurrent Straumann weltweit auf über 40 % Marktanteil. Nobel Biocare hat sich als Anbieter von Komplettlösungen für restaurative und ästhetische Zahnmedizin etabliert und gründet seine Geschäftsstrategie auf wissenschaft­liche Führungskompetenz und Innovation.

Das Unternehmen hat im Laufe der Jahre zahlreiche Innovationen im Dentalbereich eingeführt. Mit weltweit über 2 433 Mitarbeitern und einem Vertriebsnetz in mehr als 70 Ländern wurde 2010 ein Nettogewinn von 45,7 Mio. EUR erwirtschaftet.

Wichtige Akteure in der Branche sind außerdem die Unternehmen Biomet 3i (USA), Zimmer Dental (USA), Dentsply International (USA; Entwicklung und Produktion der Zahnimplantate durch die deutsche Tochterfirma Dentsply Friadent) sowie AstraTech (SE, Tochterfirma von AstraZeneca, UK).

Großes Wachstumspotenzial

Während Europa mit einem geschätzten Jahresabsatz von 4 Millionen Implantaten den größten Markt darstellt, haben Analysten in den BRIC-Staaten (Brasilien, Russland, Indien, China) das größte Wachstumspotenzial ausgemacht. Beleg dafür ist auch die Tatsache, dass Brånemark in Brasilien und China jeweils 12 Patente erteilt wurden.

Die Millenium Research Group (MRG) rechnet auf dem globalen Markt für Zahnimplantate (was den Handelswert betrifft) von 2009 bis 2014 mit einer durchschnittlichen jährlichen Wachstumsrate von rund 7 % und geht davon aus, dass das Wachstum 2014 im zweistelligen Bereich liegt.

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