European Patent Office

G 0001/07 (Treatment by surgery/MEDI-PHYSICS) vom 15.02.2010

Europäischer Rechtsprechungsidentifikator
ECLI:EP:BA:2010:G000107.20100215
Datum der Entscheidung
15. Februar 2010
Aktenzeichen
G 0001/07
Online am
16. Februar 2010
Antrag auf Überprüfung von
-
Anmeldenummer
99918429.4
IPC-Klasse
G01R 33/28
Verfahrenssprache
Englisch
Verteilung
Im Amtsblatt des EPA veröffentlicht (A)
Amtsblattfassungen
Weitere Entscheidungen für diese Akte
-
Zusammenfassungen für diese Entscheidung
-
Bezeichnung der Anmeldung
MR methods for imaging pulmonary and cardiac vasculature and evaluating blood flow using dissolved polarized **(129)Xe
Name des Antragstellers
Medi-Physics, Inc.
Name des Einsprechenden
-
Kammer
-
Leitsatz

Die der Großen Beschwerdekammer vorgelegten Fragen werden wie folgt beantwortet:

1. Ein beanspruchtes bildgebendes Verfahren ist als ein Verfahren zur chirurgischen Behandlung des menschlichen oder tierischen Körpers nach Artikel 53 c) EPÜ vom Patentschutz auszuschließen, wenn bei seiner Durchführung die Erhaltung des Lebens und der Gesundheit des Körpers von Bedeutung ist und wenn es einen invasiven Schritt aufweist oder umfasst, der einen erheblichen physischen Eingriff am Körper darstellt, dessen Durchführung medizinische Fachkenntnisse erfordert und der, selbst wenn er mit der erforderlichen professionellen Sorgfalt und Kompetenz ausgeführt wird, mit einem wesentlichen Gesundheitsrisiko verbunden ist.

2a. Ein Anspruch, der einen Schritt mit einer Ausführungsform umfasst, die ein "Verfahren zur chirurgischen Behandlung des menschlichen oder tierischen Körpers" im Sinne des Artikels 53 c) EPÜ ist, kann nicht so belassen werden, dass er diese Ausführungsform weiter umfasst.

2b. Der Ausschluss von der Patentierbarkeit nach Artikel 53 c) EPÜ kann vermieden werden, indem die Ausführungsform durch einen Disclaimer ausgeklammert wird, wobei der Anspruch, der den Disclaimer enthält, natürlich nur dann gewährbar ist, wenn er alle Erfordernisse des EPÜ und gegebenenfalls auch die Erfordernisse für die Zulässigkeit von Disclaimern erfüllt, wie sie in den Entscheidungen G 1/03 und G 2/03 der Großen Beschwerdekammer festgelegt wurden.

2c. Ob der Wortlaut eines Anspruchs so geändert werden kann, dass der chirurgische Verfahrensschritt ohne Verstoß gegen das EPÜ weggelassen wird, ist anhand der Gesamtumstände des jeweiligen Einzelfalls zu beurteilen.

3. Ein beanspruchtes bildgebendes Verfahren kann nicht allein schon deshalb als eine "chirurgische Behandlung des menschlichen oder tierischen Körpers" im Sinne des Artikels 53 c) EPÜ betrachtet werden, weil ein Chirurg anhand der mit diesem Verfahren gewonnenen Daten während eines chirurgischen Eingriffs unmittelbar über das weitere Vorgehen entscheiden kann.

Relevante Rechtsnormen
Vienna Convention on the Law of Treaties (1969) Art 31Vienna Convention on the Law of Treaties (1969) Art 32Agreement on Trade-Related Aspects of Intellectual Property Rights Art 27(3)(a)Europäische Union: Richtlinie 98/44/EG des Europäischen Parlaments und des Rates vom 6. Juli 1998 über den rechtlichen Schutz biotechnologischer Erfindungen Art 6(2), Erwägungsgrund 35Übergangsbestimmungen: Beschluss des Verwaltungsrats vom 28. Juni 2001 über die Übergangsbestimmungen nach_Art_ 7 der Akte zur Revision des EPC_Art_001Akte zur Revision des Übereinkommens über die Erteilung europäischer Patente Art 3(1)Akte zur Revision des Übereinkommens über die Erteilung europäischer Patente Art 7(1)European Patent Convention Art 4(3)European Patent Convention Art 53(c)European Patent Convention Art 53(b)European Patent Convention Art 56European Patent Convention Art 83European Patent Convention Art 84European Patent Convention Art 123(2)European Patent Convention Art 123(3)European Patent Convention R 43Patent Cooperation Treaty R 39(1)Patent Cooperation Treaty R 67(1)Schweizerisches PatG Art 2(2)Deutsches PatG Art 5(2)Patentgesetz des Vereinigten Königreichs von 1977 Abschnitt 4(2)European Patent Convention Art 52 1973European Patent Convention Art 53 1973European Patent Convention Art 54 1973European Patent Convention Art 55 1973European Patent Convention Art 56 1973European Patent Convention Art 57 1973European Patent Convention Art 52(2) 1973European Patent Convention Art 52(3) 1973European Patent Convention Art 52(4) 1973European Patent Convention Art 53(b) 1973European Patent Convention Art 84 1973European Patent Convention Art 112(1) 1973European Patent Convention Art 177(1) 1973
Schlagwörter
Anwendbare Bestimmungen - Art. 112 (1) EPÜ 1973 - Art. 53 c) EPÜ
Zulässigkeit der Vorlage – bejaht
Wiener Übereinkommen - Grundsatz einer engen Auslegung der Ausschlussbestimmungen – verneint
Ein chirurgischer Verfahrensschritt in einem mehrstufigen Verfahren - von der Patentierbarkeit ausgeschlossen – bejaht
Auf chirurgische Verfahren zu therapeutischen Zwecken begrenzt – verneint
Bedeutung des Wortlauts der Ausschlussbestimmungen - Rechtsgeschichte - Wirkung von Rechtsprechung und Praxis – Gesetzeszweck
Art der Eingriffe - Beteiligung eines Mediziners – verneint
Medizinisches Fachwissen und Gesundheitsrisiko - weitere Kriterien
Anspruch, der immer noch einen chirurgischen Verfahrensschritt umfasst – verneint
Disclaimer nach Artikel 53 c) EPÜ - bejaht - vorbehaltlich der übrigen Erfordernisse des EPÜ
Weglassung - Verfahren, die nur den internen Betrieb eines Geräts betreffen - bejaht - vorbehaltlich der übrigen Erfordernisse des EPÜ
Mögliche Verwendung eines nicht chirurgischen Verfahrens in einem chirurgischen Verfahren - unerheblich, wenn das nicht chirurgische Verfahren selbst eine vollständige Lehre ist
Orientierungssatz
-

Entscheidungsformel

Aus diesen Gründen wird entschieden:

Die der Großen Beschwerdekammer vorgelegten Fragen werden wie folgt beantwortet:

1. Ein beanspruchtes bildgebendes Verfahren ist als ein Verfahren zur chirurgischen Behandlung des menschlichen oder tierischen Körpers nach Artikel 53 c) EPÜ vom Patentschutz auszuschließen, wenn bei seiner Durchführung die Erhaltung des Lebens und der Gesundheit des Körpers von Bedeutung ist und wenn es einen invasiven Schritt aufweist oder umfasst, der einen erheblichen physischen Eingriff am Körper darstellt, dessen Durchführung medizinische Fachkenntnisse erfordert und der, selbst wenn er mit der erforderlichen professionellen Sorgfalt und Kompetenz ausgeführt wird, mit einem wesentlichen Gesundheitsrisiko verbunden ist.

2a. Ein Anspruch, der einen Schritt mit einer Ausführungsform umfasst, die ein "Verfahren zur chirurgischen Behandlung des menschlichen oder tierischen Körpers" im Sinne des Artikels 53 c) EPÜ ist, kann nicht so belassen werden, dass er diese Ausführungsform weiter umfasst.

2b. Der Ausschluss von der Patentierbarkeit nach Artikel 53 c) EPÜ kann vermieden werden, indem die Ausführungsform durch einen Disclaimer ausgeklammert wird, wobei der Anspruch, der den Disclaimer enthält, natürlich nur dann gewährbar ist, wenn er alle Erfordernisse des EPÜ und gegebenenfalls auch die Erfordernisse für die Zulässigkeit von Disclaimern erfüllt, wie sie in den Entscheidungen G 1/03 und G 2/03 der Großen Beschwerdekammer festgelegt wurden.

2c. Ob der Wortlaut eines Anspruchs so geändert werden kann, dass der chirurgische Verfahrensschritt ohne Verstoß gegen das EPÜ weggelassen wird, ist anhand der Gesamtumstände des jeweiligen Einzelfalls zu beurteilen.

3. Ein beanspruchtes bildgebendes Verfahren kann nicht allein schon deshalb als eine "chirurgische Behandlung des menschlichen oder tierischen Körpers" im Sinne des Artikels 53 c) EPÜ betrachtet werden, weil ein Chirurg anhand der mit diesem Verfahren gewonnenen Daten während eines chirurgischen Eingriffs unmittelbar über das weitere Vorgehen entscheiden kann.