Schluss mit Türenschlagen

Claus Hämmerle, inventor of the Blumotion dampening system

Gewinner des Europäischen Erfinderpreises 2013 in der Kategorie Industrie

Claus Hämmerle und Klaus Brüstle, Erfinder des Dämpfungssystems BLUMOTION

Seitdem vor Tausenden von Jahren die erste Tür laut zuschlug, gab es nur wenige Fortschritte in der Scharniertechnik, die sich mit dem patentierten Dämpfungssystem für Scharniere der österreichischen Erfinder Claus Hämmerle und Klaus Brüstle messen können.

Dieser clevere Mechanismus mit dem Namen BLUMOTION sorgt dafür, dass Schranktüren oder Schubladen geräuschlos schließen. Das System für sanftes Schließen wurde bereits in nahezu jede Art von Möbelstück eingebaut. Die Möbelbranche hat allein in Europa einen Marktwert von 126 Mrd. EUR.

Blumotion dampening system Perfektionierte Bewegung

Besucher der Julius Blum GmbH, einem österreichischen Küchenhersteller mit Hauptsitz im pittoresken Vorarlberg, können sich vor Ort immer noch einen Eindruck von der Handwerkskunst verschaffen, die Firmengründer Julius Blum zu seinem Ruf verhalf.

Unter anderem werden Hufeneisen mit Hufstollen ausgestellt, mit denen die stolzen Rösser des Ortes die vereisten Alpenpisten sicher passieren konnten, ohne abzurutschen, aber auch die ersten von Julius Blum gefertigten Türgriffe aus Metall.

Die einst bescheidene Möbelmanufaktur hat sich seitdem zu einem Multimilliarden-Euro-Unternehmen mit mehr als 5.000 Mitarbeitern gemausert. Die meisten Mitarbeiter sind in Vorarlberg beschäftigt, wo Blum der größte Arbeitgeber ist. Mittlerweile hat Blum sich eine eigene Nische auf dem globalen Möbelmarkt geschaffen und verzeichnet als einer der führenden Scharnierhersteller einen Jahresumsatz von 1,26 Mrd. EUR.

„Unser Dämpfungssystem arbeitete von Anfang an effizient und reibungslos. Das war einer der Gründe für den enormen Markterfolg.“

Weltweite Bekanntheit

Auch heute konzentriert sich das Unternehmen stark auf Form und Funktion seiner Produkte, seit jeher die zwei Hauptanliegen von Julius Blum. Dank des genialen Konzepts der beiden Erfinder Claus Hämmerle und Klaus Brüstle – einem winzigen Dämpfungssystem für sanftes und leises Schließen von Klappen, Türen und Auszügen von Möbeln – konnte das Familienunternehmen auf dem Markt durchschlagenden Erfolg erzielen.

„Unser Dämpfungssystem arbeitete von Anfang an effizient und reibungslos“, sagt Geschäftsführer Gerhard Blum. „Das war einer der Gründe für den enormen Markterfolg.“

Heute ist BLUMOTION omnipräsent und kann in praktisch jedes erdenkliche Möbelstück integriert werden. Der Name hat sich ähnlich wie Tempo oder Tesa zu einem Branchenstandard entwickelt, und Laien bezeichnen damit sogar von Blums Konkurrenz hergestellte Scharniere.

Sein Erfolg ist ein Indiz dafür, dass sich der Inneneinrichtungsmarkt in Richtung Einfachheit und Komfort entwickelt, ohne Verzicht auf Funktionalität.

Die Tage der kunstvollen viktorianischen Scharniere mit ihren geschwungenen Eisenverzierungen sind schon lange gezählt. Moderne Küchen sind eher stylish bis minimalistisch gestaltet und warten mit klaren Linien auf. Genau diese Eigenschaften hatten die beiden Erfinder aus Österreich bei der Entwicklung von BLUMOTION vor Augen.

Alte Scharniere haben ausgedient

Die Geschichte der Scharniere geht so weit zurück, dass man kaum noch sagen kann, wann die erste Tür oder Schublade geschlossen wurde. Alles spricht jedoch dafür, dass sich bereits um ca. 1600 v. Chr. in Hattusa, der Hauptstadt des Hethiterreiches, Holztore in steinernen Halterungen schwenken ließen.

In den Jahrtausenden, die seitdem vergangen sind, hat das Scharnier nur wenige wesentliche Veränderungen in Bezug auf die Funktionalität erfahren. Ein Beispiel ist die Erfindung der sogenannten Pendeltürbänder, dank der z. B. ein Cowboy die Saloontüren aufstoßen und hindurchtreten kann, ohne sie wieder hinter sich schließen zu müssen.

Dennoch verdiente keines dieser Scharniere, mit Ausnahme vielleicht der allerersten, jenes zustimmende Kopfnicken, mit dem Benutzer jedes Mal die Erfindung von Hämmerle und Brüstle bedenken, wenn eine Tür gedämpft ins Schloss fällt. Dieses hohe Maß an Kundenzufriedenheit lässt sich an den Umsatzzahlen des Unternehmens ablesen.

Der Blum-Boom

Im Jahr 2007 belief sich der Jahresumsatz der Blum GmbH erstmals auf über 1 Mrd. EUR, seitdem sind die Einnahmen bis auf 1,26 Mrd. EUR gestiegen. Heute hält das Unternehmen einen Anteil von 12 % am Jahresumsatz des europäischen Küchenmöbelsektors von insgesamt 130 Mrd. EUR.

Mehr als 5.000 Übernachtungen und mehr als 10.000 Geschäftsessen in der Region Vorarlberg gehen jedes Jahr auf Blum zurück. Noch beeindruckender: Dank der Geschäfte, die andere Unternehmen der Region mit Blum machen, sind mehr als 100 Mio. EUR in der Regionalwirtschaft in Umlauf.

Die Macht der Patente

Blum reinvestiert 4 % seines Umsatzes in die Forschung und Entwicklung. Damit ist das Unternehmen einer der aktivsten Patentanmelder in Österreich: Blum verfügt über 1.000 Patente, 10 davon betreffen BLUMOTION.

„Was vermutlich kaum jemand weiß ist, dass Patente in unserer Branche eine wichtige Rolle spielen“, erläutert Gerhard Blum.

Auch das könnte einer der Gründe sein, die Blum seit dem Markteintritt im Jahr 2001 ein Wachstum um mehr als 100 % beschert haben. Nach eigener Auffassung hat das Unternehmen von der weltweit wachsenden Nachfrage nach hochwertigen Trendküchen profitiert, die gehobenen Komfort bieten.

Durch die Auslieferung unzähliger Scharniere, Klappen und Auszüge in weltweit mehr als 100 Länder hat sich Blum für viele Österreicher zum Vorzeigemodell eines stabilen Familienbetriebs entwickelt.

Denn dies zeigt, dass das Verständnis der Familie Blum für die Bedürfnisse ihrer Kunden – sei es besserer Halt auf glatten Wegen oder mehr Komfort in der Küche – über die Generationen hinweg nicht gelitten hat.

„Was vermutlich kaum jemand weiß ist, dass Patente in unserer Branche eine wichtige Rolle spielen.“

System mit Schmetterlingseffekt

BLUMOTION hat sich schnell als Branchenstandard für alle Arten von Dämpfungssystemen für Möbel durchgesetzt – unabhängig vom Hersteller. Wie schon Tempo oder Tesa wird BLUMOTION mittlerweile als Gattungsname für das Produkt verwendet, unabhängig von der tatsächlichen Marke.

Drei Jahrenach der Markteinführung von BLUMOTION, im Jahr 2004, erteilte das Europäische Patentamt der Julius Blum GmbH ein Patent. Im gleichen Jahr wurde das sanftschließende System mit dem Red Dot Product Design Award ausgezeichnet, der zu den weltweit wichtigsten und renommiertesten Design-Auszeichnungen zählt.

In Bezug auf die Nominierung für den Europäischen Erfinderpreis 2013 sagte Claus Hämmerle: „Die Nominierung war eine große Überraschung. Wir hätten nie gedacht, dass eine so kleine Neuerung uns solchen Erfolg bescheren würde.“

Mit Blick auf die aufstrebenden Märkte investierte Blum in den Jahren 2011 und 2012 insgesamt 84 Mio. EUR,um einen neuen Vertriebsstandort in der Ukraine und ein modernes Logistikzentrum in Neuseeland aufzubauen. Abgesehen davon verfügt das Unternehmen über sieben Produktionsstätten in Österreich, drei weitere in Polen, den USA und Brasilien sowie 27 Niederlassungen weltweit.

In gewisser Weise hat die Erfindung eine Art Möbeltischler-Schmetterlingseffekt ausgelöst: Wenn in China eine Tür sanft ins Schloss fällt, klingelt in den österreichischen Alpen die Kasse.


Funktionsweise

Das sanftschließende Scharniersystem hinter BLUMOTION ist vergleichbar mit dem Stoßdämpfer eines PKW. Im Wesentlichen bewegt sich ein Kolben in einem mit Hydraulikflüssigkeit gefüllten Druckzylinder aus Thermoplast und Silikon und betätigt so den Dämpfer, der die Energie absorbiert.

Ist der Dämpfer vollständig ausgefahren und die Tür geöffnet, ragt auch der Kolben fast vollständig aus dem Zylinder. Beim Schließen der Tür wird der Kolben in den Zylinder gedrückt, wo er auf einen Widerstand trifft, der von der Hydraulikflüssigkeit verursacht wird, die er passieren muss. Auch unter hohem Druck kann nur eine geringe Menge Flüssigkeit am Kolben vorbeiströmen und verlangsamt so dessen Bewegung.

Das Beste an BLUMOTION: Das System ist geschwindigkeitsabhängig, d. h., je schneller eine Tür oder Schublade geschlossen wird, desto mehr Widerstand bietet der Dämpfer. Sie können die Tür also so fest zuschlagen, wie Sie wollen, sie gibt dennoch kein Geräusch von sich oder geht gar kaputt.

HingeDie Entwicklung der Scharniere

Aufgrund ihrer Allgegenwart sind Scharniere für uns mittlerweile selbstverständlich. Doch erinnern wir uns zurück an eine Zeit, bevor es sie gab, eine Zeit ohne eine der einfachsten Sicherheitsvorkehrungen in der Haustechnik: die Haustür. So war es beispielsweise in der Türkei des Altertums, wo die Menschen ihre Lehmziegelhäuser über ein Loch im Dach betraten, das sie nur mithilfe von Leitern erreichen konnten. Die Sicherheit hing damit ausschließlich von der Leiter ab – und der Hoffnung, dass Einbrecher keine eigene mitbringen würden.

In anderen Kulturen wurden Eingänge mit schweren Holz- oder Steinplatten verbarrikadiert. Jeder, der zum Schließen der „Tür“ zu schwach war, lebte gefährlich. Die ältesten bekannten Scharniere stammen etwa aus dem Jahr 1600 v. Chr. und wurden ausschließlich für sehr wichtige Gebäude verwendet, z. B. Festungswälle oder Gotteshäuser.

Bis die Europäer mit der Kolonialisierung Amerikas begannen, hatten Scharniere sich bereits umfassend durchgesetzt. Ihr besonderer Vorteil lag in der Einfachheit, mit der sich Fenster, Türen oder auch Klappen schließen ließen, denn nun benötigte man im Zweifelsfall keinen kräftigen Mann mehr für diese Aufgabe.

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