Europäischer Erfinderpreis

Allgegenwärtig: Europas Biomassepotenzial als Energiequelle

Biomasse ist eine der ältesten und am weitesten verbreiteten Energiequellen auf der Erde. Materialien wie abgestorbene Bäume, Holzspäne, Sägemehl sowie landwirtschaftliche und gewerbliche Abfälle sind kein reiner Müll wie viele meinen, sondern Brennstoffe, aus denen sich Energie zur Wärme- und Stromerzeugung gewinnen lässt.

Die Patentierungstrends deuten darauf hin, dass die Biomassetechnologie relativ ausgereift ist und somit für die nächsten Jahre gute Marktaussichten bietet. Dies ist nicht zuletzt dem Impetus der Politik zu verdanken, die Biomasse zu einer tragfähigen Energieoption machen will: Die EU hat die Nutzung von Biomasse als wichtigen Beitrag zur Erreichung ihres Ziels hervorgehoben, bis 2020 ein Fünftel des europäischen Energiebedarfs durch erneuerbare Energien zu decken. Das zunehmende Wissen um die Schädlichkeit fossiler Brennstoffe und das Bemühen, nicht vollständig von Gas und Öl als Energieträger abhängig zu sein, lassen Biomasse als vielversprechende Energiequelle hervortreten. Derzeit werden rund 5 % des Endenergiebedarfs in der EU aus Bioenergiequellen wie etwa Biomasse gedeckt, aber laut dem EU-Fahrplan für erneuerbare Energien von 2007 könnte sich die Nutzung von Biomasse als Energieträger in den nächsten 10 Jahren durchaus verdoppeln. Die Europäische Kommission rechnet in der Folge auch mit der Entstehung von 250 000 bis 300 000 Arbeitsplätzen in Europa, überwiegend im ländlichen Raum.

Überwindung von Hürden

Biomasse ist in diesem Kontext als chancenreiche und kaum erschlossene Quelle zu sehen. Doch es gibt einige Faktoren, die einer Etablierung als tragfähiger erneuerbarer Energielieferant entgegenstehen.

Als Hemmschuh wirken u. a. die unterschiedlichen nationalen Strategien zur Förderung der erneuerbaren Energien, Haushaltszwänge, generelle Skepsis gegenüber neuer Technologie, mangelnde Biomassevorräte und der schwankende Ölpreis. Auch technische Gesichtspunkte wie die Effizienz der Energieumwandlung und die Art der verwertbaren Brennstoffe behindern den Aufstieg dieser Technologie.

Ungeachtet der Faktoren, die eine großflächige Nutzung von Energie aus Biomasse blockieren, vertritt die Internationale Energieagentur (IEA) den Standpunkt, dass ihr Anteil an der Elektrizitätserzeugung spürbar erhöht werden könnte. Aufgrund diverser Annahmen lässt sich prognostizieren, dass der Anteil von gegenwärtig rund 1,3 % bis zum Jahr 2050 auf 3 %, eventuell sogar auf 5 % ansteigen könnte.

Biomassetechnologie der nächsten Generation

Sehr vielversprechend in dieser Beziehung ist eine patentierte neue Technologie des Dänen Jens Dall Bentzen, der für den Europäischen Erfinderpreis nominiert wurde. Bentzens Erfindung kommt der Lösung der technischen Probleme, mit denen die Technologie behaftet ist, einen großen Schritt näher, denn sie ermöglicht die Konstruktion von effizienteren, wirkungsvolleren und umweltfreundlicheren Biomasseanlagen. Er hat eine Feuerung zur verbesserten Biomasseverbrennung, ein optimiertes System zur Energierückgewinnung sowie verfeinerte Luftbefeuchtungs- und Filtereinrichtungen entwickelt.

Zudem kommt Bentzens Feuerung ohne bewegliche Teile aus, was den Wartungsaufwand verringert und die Lebensdauer erhöht. Sie ist sehr flexibel, was die verwendbaren Brennstoffe angeht, und lässt sich gleichzeitig sowohl mit feuchter als auch mit trockener Biomasse befeuern - für Anlagenbetreiber ein absolutes Novum. Hinzu kommt, dass die Anlagenlast von 10 % Leistung bis 100 % Leistung reguliert und damit sinnvoll auf den unterschiedlichen Heizbedarf im Sommer- und Winterbetrieb eingestellt werden kann.

Wie vorteilhaft Bentzens Biomassefeuerung ist, kann man gegenwärtig an einer Pilotanlage in Bogense sehen, einer Kleinstadt im Nordwesten der dänischen Insel Fünen. Der örtliche Fernwärmeversorger hat bislang eine Gasanlage betrieben, um Wärme für die rund 6 000 Einwohner bereitzustellen. Im Anschluss an eine Überprüfung der Ergebnisse einer 2-MW-Pilotanlage beschloss die Stadt, auf die Technologie von Dall Energy umzusteigen. Die 8-MW-Biomasseanlage läuft bereits und soll im Mai 2011 offiziell in Betrieb genommen werden.

"Ich würde die Technologie als sehr grün bezeichnen, weil wir erneuerbare Brennstoffe verwenden. Wir verbrauchen keine Bodenschätze wie Kohle, Erdöl oder Gas, sondern nachwachsende Brennstoffe. Außerdem verschmutzen wir die Luft nicht mit Staub oder anderen Emissionen", sagt Bentzen.

Ein Markt im Aufwind

Die Biomasseverbrennung wird unsere Energieprobleme nicht alleine lösen, aber sie bietet Vorteile, die sie zu einem wichtigen Bestandteil im Mix erneuerbarer Energien macht, nicht zuletzt wegen der damit verbundenen Einsparungen: Bentzens Erfindung erhöht die Energieeffizienz um 20 bis 25 %, verringert die Brennstoffkosten um 20 bis 30 % (durch die Verwendbarkeit einer Mischung von feuchten und trockenen Brennstoffen) und senkt den Brennstoffverbrauch; sie verbilligt außerdem die Baukosten für die Anlage um 10 % sowie den Wartungsaufwand um 20 bis 50 %. Bei einer durchschnittlichen Anlage summiert sich dies auf jährliche Einsparungen von 27 % gegenüber herkömmlichen Konstruktionen.

Bentzens Firma Dall Energy hat im Wesentlichen zwei Märkte im Visier, nämlich die Fernwärme- und die Stromversorgung; es gäbe aber auch Potenzial für einen dritten Markt, die Blockheizkrafttechnik (BHK). Zielgruppe für diese Technik sind Kommunen oder Gewerbebetriebe, die Bedarf an lokaler Energieerzeugung haben (Größenordnung: zwischen 1 und 3 Mio. EUR pro Anlage). Ideal geeignet sind die Anlagen für Städte und Kommunen, die energieunabhängiger werden wollen.

Analysen, die zu anderen Ländern durchgeführt wurden, weisen für Europa eine Marktkapazität von etwa 275 Anlagen pro Jahr aus. Es ist mit starker Nachfrage aus Österreich, Deutschland, der Tschechischen Republik, Polen, Schweden und Ungarn zu rechnen. Bei einem angenommenen durchschnittlichen Projektumfang von 1,33 Mio. EUR kann das Gesamtvolumen des europäischen Marktes mit 367 Mio. EUR pro Jahr veranschlagt werden.

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