a)
Fälle, in denen Artikel 113 (1) EPÜ durch Einführung neuer Ansprüche oder relevanter Dokument verletzt wurde 

Im Verfahren T 951/97 (ABl. 1998, 440) war die Entgegenhaltung D4 zwar bereits im europäischen Recherchenbericht erwähnt, aber vor der mündlichen Verhandlung im Prüfungsverfahren nicht aufgegriffen worden. Die Kammer stellte fest, dass die halbstündige Unterbrechung der mündlichen Verhandlung zu kurz für eine richtige Auswertung des komplexen Textes von D4. Da D4 ausschlaggebend für die Feststellung der Prüfungsabteilung zur erfinderischen Tätigkeit gewesen war, stützte sich die Entscheidung auf Beweismittel, zu denen sich der Anmelder entgegen Art. 113 (1) EPÜ 1973 nicht hinreichend äußern konnte (s. auch T 492/03).

In T 783/89 schlug die Einspruchsabteilung am Anfang der mündlichen Verhandlung eine neue Fassung des Hauptanspruchs vor. Die Einsprechenden bekamen zehn Minuten Zeit, um sich mit der geänderten Fassung des Anspruchs zu befassen. Nach Ansicht der Beschwerdekammer wurden die Einsprechenden mit dieser Vorgehensweise überrascht. Außerdem sei diese begrenzte Zeitspanne nicht ausreichend gewesen, um die Zulässigkeit der Änderungen zu überprüfen.

In T 2235/12 hatte die Prüfungsabteilung zwei Tage vor der mündlichen Verhandlung zwei zusätzliche Dokumente und einen neuen Einwand in das Verfahren eingeführt. Der Antrag des Beschwerdeführers auf Verlegung der mündlichen Verhandlung wurde abgelehnt, und der Beschwerdeführer nahm nicht an der mündlichen Verhandlung teil. Die Kammer befand, dass der neue Einwand keinen Bezug zu den in der Ladung genannten Punkten hatte und der Beschwerdeführer die Gelegenheit hätte erhalten müssen, auf den neuen Einwand zu reagieren. Die Teilnahme an der mündlichen Verhandlung hätte nichts an der Tatsache geändert, dass der Zeitrahmen zu knapp war, um Instruktionen einzuholen und sich auf die mündliche Verhandlung mit neuem Schwerpunkt vorzubereiten. Die Kammer kam zu dem Schluss, dass mit der Ablehnung der vom Beschwerdeführer beantragten Verlegung der mündlichen Verhandlung sein rechtliches Gehör verletzt wurde.

In T 75/10 sah die Kammer keinen Grund, die Entscheidung der Einspruchsabteilung aufzuheben, mit der verspätet eingereichte, für die Neuheitsfrage hoch relevant erscheinende Unterlagen zugelassen worden waren. Allerdings hätte die Einspruchsabteilung, nachdem sie sich für die Zulassung der Unterlagen entschieden hatte, dem Antrag des Patentinhabers auf Verlegung der mündlichen Verhandlung stattgeben müssen. Die Kammer sah einen wesentlichen Unterschied zwischen einer Prima-facie-Beurteilung der möglichen Relevanz sowie des Veröffentlichungsdatums eines verspätet eingereichten Dokuments zum Zwecke einer Entscheidung über dessen Zulassung zum Verfahren und der vollständigen, gründlichen Prüfung der Neuheit gegenüber einem solchen Dokument, bei der festgestellt werden muss, ob das Dokument der Öffentlichkeit vor dem wirksamen Anmeldetag zur Verfügung stand. Im vorliegenden Fall wurden die Dokumente aus einem anderen Archiv generiert als den normalerweise für die Neuheitsrecherche verwendeten Datenbanken. Dass der Patentinhaber bei der mündlichen Verhandlung Schwierigkeiten hatte, die Herkunft der verspätet eingereichten Unterlagen zu überprüfen, war deshalb durchaus glaubhaft.

In T 763/15 entschied die Kammer, dass der Anspruch des Beschwerdeführers auf rechtliches Gehör von der Einspruchsabteilung verletzt worden war, denn sie konnte keinen Hinweis darauf finden, dass ihm in der mündlichen Verhandlung die Gelegenheit gegeben worden wäre, sich zur Frage der Zulässigkeit des zweiten Hilfsantrags zu äußern. Unmittelbar nachdem der Vorsitzende im Einspruchsverfahren eine Bemerkung zu der in Anspruch 1 des zweiten Hilfsantrags vorgenommenen Änderung abgegeben hatte, hatte er verkündet, dass "AUX 2 nicht in das Verfahren zugelassen wird". Eine von der Einspruchsabteilung gefasste und verkündete Entscheidung kann im selben Verfahren nicht mehr angefochten werden. Daher war es nach Auffassung der Kammer irrelevant, dass "der Patentinhaber auf die Entscheidung, AUX 2 nicht zuzulassen, nicht reagiert hat", wie es in der Niederschrift hieß.

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