1.5. Recht der Beteiligten auf Entscheidung durch den gesetzlichen Richter

In G 1/05 vom 7. Dezember 2006 (ABl. 2007, 362) stellte die Große Beschwerdekammer fest, dass es zwar äußerst wichtig ist, dass die Kammermitglieder ihrer Verpflichtung gerecht werden, an den ihnen zugewiesenen Fällen mitzuwirken. Kammermitglieder können sich nicht nach Belieben, d. h. nicht aus Gründen, die in keinerlei Zusammenhang mit Sinn und Zweck der Vorschriften über Ausschließung und Ablehnung stehen, aus dem Verfahren zurückziehen (s. dieses Kapitel III.J.2.1.).

In G 2/08 vom 15. Juni 2009 stellte die Große Beschwerdekammer fest, dass ihre Mitglieder verpflichtet sind, über die ihnen "ratione legis" sowie gemäß ihrer sachlichen Zuständigkeit zugewiesenen Fälle zu verhandeln (s. auch G 3/08 vom 16. Oktober 2009). Beteiligte an einem Gerichtsverfahren haben somit einen Anspruch darauf, dass ihr Fall von dem durch gesetzliche Regelung bestimmten oder bestellten Richter geprüft und entschieden wird. Dieses Grundprinzip ist sogar in einigen Vertragsstaaten z. B. Deutschland, Österreich, Schweiz verfassungsmäßig verankert (s. T 954/98 vom 9. Dezember 1999, J 15/04, R 15/11). In Art. 6 (1) EMRK wiederum heißt es unter anderem: "Jede Person hat ein Recht darauf, dass über Streitigkeiten in Bezug auf ihre zivilrechtlichen Ansprüche und Verpflichtungen … von einem unabhängigen und unparteiischen, auf Gesetz beruhenden Gericht in einem fairen Verfahren, öffentlich und innerhalb angemessener Frist verhandelt wird". Diese Grundsätze sind nicht unvereinbar und müssen so ausgelegt werden, dass sie sich nicht gegenseitig ausschließen.

In R 19/12 vom 25. April 2014 betonte die Große Beschwerdekammer ebenfalls, dass die Auslegung der Vorschriften, die die Ablehnung wegen Besorgnis der Befangenheit betreffen, in dem Spannungsfeld steht, dass sich einerseits niemand seinem gesetzlichen Richter entziehen darf, aber andererseits jeder ein Grundrecht auf ein faires Verfahren vor einem unabhängigen und unparteiischen Gericht hat (Art. 6 (1) EMRK, Art. 47 (2) der Charta der Grundrechte der Europäischen Union).

In R 15/11 stellte die Kammer unter Verweis auf G 1/05 fest, dass sich Kammermitglieder nicht nur nicht nach Belieben aus dem Verfahren zurückziehen können, sondern außer bei Vorliegen eines zwingenden Grunds auch der Geschäftsverteilungsplan einzuhalten und auf einen vor der Kammer wiedereröffneten Fall anzuwenden ist. Die Große Beschwerdekammer hielt es daher für geboten, bei der Ausübung des in R. 108 (3) Satz 2 EPÜ eingeräumten Ermessens die Kriterien und Maßstäbe zu beachten, die für den Ersatz von Mitgliedern der Beschwerdekammer nach einer Ablehnung wegen Besorgnis der Befangenheit gemäß Art. 24 (3) und (4) EPÜ entwickelt wurden.

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