6.6. Pläne, Regeln und Verfahren für gedankliche Tätigkeiten, für Spiele oder für geschäftliche Tätigkeiten
6.6.2 Gedankliche Tätigkeiten
Durch den Einsatz technischer Mittel kann ein Verfahren für gedankliche Tätigkeiten ganz oder teilweise ohne menschliche Eingriffe durchgeführt werden und dadurch im Hinblick auf Art. 52 (3) EPÜ 1973 zu einem technischen Vorgang oder Verfahren werden, sodass eine Erfindung im Sinne des Art. 52 (1) EPÜ 1973 vorliegt (T 38/86, ABl. 1990, 384; s. auch T 258/03, ABl. 2004, 575).
In T 2720/16 stellte die Kammer fest, dass eine Tätigkeit rein gedanklich ist, wenn sie sich auf eine Tätigkeit des menschlichen Gehirns beschränkt. Sobald diese Tätigkeit physischen Ausdruck außerhalb des Gehirns findet, verliert sie ihren rein gedanklichen Charakter. Es ist in dieser Hinsicht unerheblich, ob diese physische Dimension der Tätigkeit durch Organe des Körpers (Auge, Hand usw.) oder durch unabhängige mechanische Vorrichtungen realisiert wird.
In T 471/05 wies die Kammer darauf hin, dass Anspruch 1 lediglich eine Reihe von abstrakten mathematischen und optischen Konzepten formulierte, ohne eigentlich eine physische, technische Implementierung zu verlangen. Daraus folgte, dass der Gegenstand, für den Schutz begehrt wurde, nichts weiter war als ein "Entwurf" für ein optisches System, der rein abstrakte und konzeptionelle Ausführungsformen umfasste, die nach Art. 52 (1), (2) und (3) EPÜ 1973 vom Patentschutz ausgenommen sind. Insbesondere konnte das beanspruchte Verfahren als rein gedankliche Tätigkeit oder als rein mathematischer Entwurfsalgorithmus ausgeführt werden und umfasste daher Ausführungsformen, die in die Kategorie der Verfahren für gedankliche Tätigkeiten als solche und der mathematischen Methoden als solche fielen, die beide nach Art. 52 (2) a) bzw. c) EPÜ 1973 in Verbindung mit Art. 52 (3) EPÜ 1973 ausdrücklich vom Patentschutz ausgeschlossen sind.
Die Kammer stellte fest, dass die für eine beanspruchte Erfindung geltenden, in der Entscheidung T 619/02 (ABl. 2007, 63) erörterten Technizitätskriterien implizieren, dass der beanspruchte Gegenstand, mit dem der Gegenstand des Schutzbegehrens festgelegt wird, sich auf eine physische Entität oder Tätigkeit bezieht. Zwar konnte das in Anspruch 1 des Hauptantrags definierte Verfahren fraglos unter Verwendung von physischen Mitteln ausgeführt werden. Es handelt sich bei den betreffenden Ausführungsformen des beanspruchten Verfahrens um vom Patentschutz nicht ausgenommene physische technische Tätigkeiten (s. z. B. die Entscheidungen T 914/02 sowie T 258/03, ABl. 2004, 575). Dessen ungeachtet war die Verwendung technischer Mittel für das beanspruchte Verfahren nicht erforderlich, und dieses war nicht auf physische, technische Ausführungsformen beschränkt; dass das beanspruchte Verfahren nicht ausgeschlossene Ausführungsformen wie die oben genannten umfasste, konnte nicht darüber hinweghelfen, dass es sich auch auf ausgeschlossene Gegenstände erstreckte (T 914/02, Nrn. 2 und 3 der Gründe; T 388/04, ABl. 2007, 16; T 453/91, T 930/05). Solange das beanspruchte Entwurfsverfahren daher nicht auf physische, technische Ausführungsformen beschränkt war, umfasste der beanspruchte Gegenstand Ausführungsarten, die nach Art. 52 (1) bis (3) EPÜ 1973 von der Patentierung ausgenommen waren und konnte somit nach dem EPÜ keinen Patentschutz erlangen. Die Kammer stellte weiter fest, dass das bloße Vorliegen von rein konzeptionellen technischen Überlegungen im Anspruch nicht über die vorstehende Feststellung hinweghelfe, dass der Anspruch nichts weiter formuliere als eine Reihe mathematischer und optischer Konzepte, ohne eigentlich eine technische oder auch nur physische Implementierung zu verlangen. Insbesondere bleibt eine rein gedankliche Implementierung des beanspruchten Verfahrens eines gedankliche Tätigkeit als solche im Sinne von Art. 52 (2) und (3) EPÜ 1973, selbst wenn diese gedankliche Tätigkeit mit konzeptionellen technischen Überlegungen einhergeht; dies ist bereits in der Entscheidung T 914/02 festgestellt worden, in der ein mit technischen Überlegungen einhergehender und technische Ausführungsformen umfassender Verfahrensanspruch mit der Begründung zurückgewiesen wurde, die beanspruchte Erfindung könne gleichwohl rein gedanklich ausgeführt werden. Nach alledem war der in Anspruch 1 des Hauptantrags definierte Gegenstand nach Art. 52 (1), (2) und (3) EPÜ 1973 von der Patentierung ausgeschlossen.
In T 603/89 (ABl. 1992, 230) bestand die Erfindung in einem Apparat und in einem Verfahren zum Erlernen des Spiels auf einem Tasteninstrument; in den Notenblättern wurden die Töne auch numerisch gekennzeichnet, und die Tasten trugen entsprechende numerische Markierungen. Technisches Anspruchsmerkmal war die Tastenmarkierung. Der Patentierung stand Art. 52 (2) c) und d) EPÜ 1973 entgegen. Da die Tastenmarkierung nur bekannte technische Merkmale aufwies, lag der Beitrag der vorgeblichen Erfindung zur Verwirklichung des Lehrapparates nur im Inhalt der sichtbar gemachten Information und nicht im Apparat selbst. Der Erfindung liege kein technisches Problem zugrunde, sondern die Verbesserung einer Lehrmethode, was auf ein Verfahren zur Verbesserung der Ausführung gedanklicher Tätigkeiten hinauslaufe.
In T 547/14 betraf die Erfindung ein Verfahren zur Vorhersage von Schimmelpilzbildung auf einem Gegenstand, u.a. einem Bauteil von Gebäuden. Die Prüfungsabteilung führte an, dass sich die Merkmale des Anspruches 1, die sich auf eine experimentelle Bestimmung biologischer Auskeimungsbedingungen für Schimmelpilze beziehen, nicht von einer rein intellektuellen Tätigkeit unterschieden, da die experimentelle Bestimmung technisch nicht spezifiziert sei und durch eine reine kognitive Beobachtung erfolgen könne. Die Kammer stimmte dieser Auffassung nicht zu. Werden die biologischen Auskeimungsbedingungen experimentell bestimmt, so ist eine Durchführung von Experimenten notwendig und damit der Einsatz technischer Mittel vorausgesetzt. Wird ein Computer eingesetzt, so ist der Gegenstand mit dem Einsatz dieses technischen Mittels ebenfalls technisch. Es sei für die Beurteilung der Technizität des beanspruchten Verfahrens unerheblich, welche Details die Anmeldung zur technischen Umsetzung der beanspruchten experimentellen Bestimmung enthielte. Dies wäre Gegenstand einer Beurteilung der Ausführbarkeit.
In T 670/19 betraf der Anspruch ein Skalensystem zur klinischen Bewertung des Lippen- und Mundbereichs mit einer Skala für das Lippenvolumen, die Abbildungen des Mundbereichs umfasste. Die Kammer befand, dass die Erfindung keinen rein abstrakten Gegenstand betreffe und technischen Charakter habe. Es werde impliziert, dass ein konkretes physisches Medium, wie eine Tafel oder ein Bildschirm, mit den Abbildungen vorliege. Das implizierte Vorliegen eines physischen Mediums verleihe zumindest einem Teilgegenstand des Anspruchs technischen Charakter, und zwar unabhängig von einem möglicherweise nichttechnischen Gehalt der auf dem physischen Medium vorhandenen oder angezeigten Abbildungen per se.
In T 1465/22 entschied die Kammer, auch wenn einige der Verfahrensschritte des Anspruchs 1 manuell ausgeführt werden könnten, führe dies nicht dazu, dass diese Verfahrensschritte "Pläne, Regeln und Verfahren für gedankliche Tätigkeiten" im Sinne von Art. 52 (2) c) EPÜ seien. Ein Verfahren für gedankliche Tätigkeiten ist nur eines, das vollständig im menschlichen Gehirn abläuft. Wie vom Beschwerdegegner (Patentinhaber) vorgebracht, konnten die Merkmale des Anspruchs 1, unter anderem die des Einsetzens, Herausziehens, Überführens, Anordnens und Verschließens, nicht als rein gedankliche Tätigkeiten angesehen werden, denn sie erforderten eine konkrete Handhabung der Behälter, der Nester, einer Transportwanne, einer Substanz, eines Stöpsels und eines Verschlusses. Es sei nicht ersichtlich, wie irgendwelche dieser Schritte durch eine geistige Tätigkeit allein vollzogen werden könnten. Ebenso wenig überzeugend war das weitere Argument des Beschwerdeführers, dass ein Nutzer diese Schritte des Verfahrens nicht wirklich ausführen könne, weil es sich dabei lediglich um Anweisungen handle. Die Kammer verwies darauf, dass auf Verfahren gerichtete Ansprüche nach dem EPÜ eindeutig zulässig sind (G 2/88). Jeder Verfahrensanspruch setzt voraus, dass die Schritte tatsächlich ausgeführt werden (ob manuell, automatisch oder beides) und dem Nutzer nicht nur als Anweisungen gegeben werden, denn sonst würde sich der Nutzer nicht innerhalb des Schutzbereichs der Ansprüche bewegen.
- T 0425/24
In T 425/24 the claimed invention concerned a method for optimising a work cycle in a robot system comprising at least two manipulators with a common work area. The examining division had found that the subject-matter of claim 1 of the main request and auxiliary request 1 was excluded from patentability as it related to a method of performing mental acts (Art. 52(2)(c) EPC). The examining division reasoned that the method steps of claim 1 could be carried out exclusively mentally.
The appellant had argued that the description as filed clearly set out that the use of a computer was an "overriding requirement" of the claim as defined by decisions T 416/87 and T 717/98, so that the method did have a technical implementation due to the use of a computer.
The board however agreed with the examining division that claim 1 of the main request was excluded from patentability. As the examining division noted, it is established case law that if a method may be exclusively carried out mentally, i.e. if it is not confined only to a technical implementation, then it is not entitled to patent protection under the EPC (see CLB, 11th ed. 2025, I.A.6.6.2).
In decisions T 416/87 and T 717/98, referred to by the appellant, it was reasoned that if features are indicated in the description to be of overriding importance, they must be read into the claim, for the purposes of claim interpretation. The board however was of the view that these decisions were not relevant here because any conclusion on overriding importance has to be determined according to the circumstances of the specific case and neither of the two cases cited deals with exclusions to patentability.
In the present case a computer is not an overriding requirement, in simple cases the method steps can certainly be carried out purely mentally. The board noted further that even complexity of a solution may not necessarily be a bar to a finding that a method consists of performing mental acts, see for example decision T 914/02. If an appellant has no intention of seeking protection for purely mental implementations, then the technical implementation means should be included in the claim (see T 914/02).
The board held that the appellant had not convincingly demonstrated that the decision under appeal was incorrect on this point.
On auxiliary request 1 the examining division had found that the amendment made to claim 1 of auxiliary request 1 did not overcome the issue relating to the main request. The appellant had argued that the introduction of the feature "each of the at least two manipulators is allowed to operate only within that part of the common work area that is allocated to the respective manipulator" required technical means as it required control of the manipulators. This meant that the "work area division" could not be a purely mental idea. The board disagreed since this understanding of the newly introduced feature presupposes that a work cycle was actually implemented. Claim 1 of auxiliary request 1 however only required that cycle times are calculated, not that any cycle is in fact carried out. It is possible to mentally divide a layout into two areas, creating a work area division and then calculate cycle times. The appellant had therefore not convincingly demonstrated that the decision under appeal was incorrect on this point.
Claim 1 of auxiliary request 2 differed from claim 1 of auxiliary request 1 in that the feature "wherein the step of defining the layout (150) and/or the step of defining the work area division is executed by a computer" was introduced. The board held that this step now required technical means and the claim as a whole was no longer excluded from patentability under Art. 52 EPC.