7.2. Zweite (bzw. weitere) medizinische Verwendung
7.2.7 Vorliegen eines therapeutischen Verfahrens
In T 454/08 bestätigte die Kammer, dass bei einem Anspruch in der schweizerischen Anspruchsform, der nicht die Umsetzung eines therapeutischen Verfahrens, sondern vielmehr eine nicht therapeutische Verwendung betrifft, das Merkmal, das die Umsetzung definiert, rein illustrativ ist und nicht dazu herangezogen werden kann, die Neuheit gegenüber dem Stand der Technik zu begründen. Dieser besondere Neuheitsansatz gilt nämlich nur für Ansprüche, die sich auf die Verwendung eines Stoffs oder Stoffgemischs für ein in Art. 52 (4) EPÜ 1973 (jetzt Art. 53 c) EPÜ) genanntes Verfahren beziehen. Der Anspruch 1 des Hauptantrags basierte auf dem in der Entscheidung G 1/83 vorgeschlagenen Modell, nämlich der Verwendung eines Stoffs, um ein Stoffgemisch für eine bestimmte Anwendung zu erhalten. Allerdings deutete nichts im Wortlaut des Anspruchs 1 auf eine Umsetzung in einem der therapeutischen Verfahren nach Art. 53 c) EPÜ hin. Der besondere Neuheitsansatz aus der Entscheidung G 1/83 galt somit nicht für den Anspruch 1 des Hauptantrags, dessen Gegenstand einem Verfahrensanspruch entsprach. Der Schritt der Verabreichung der Tablette war als illustratives Merkmal der Tablette zu sehen und nicht als einschränkendes Merkmal für eine bestimmte Art der Verabreichung.
In T 1278/12 musste die Kammer entscheiden, ob der Hauptanspruch ein auf eine zweite medizinische Verwendung gerichteter Anspruch war (schweizerische Anspruchsform). Der Beschwerdeführer hatte vorgebacht, dass die Bezugnahme auf "ein per Kaiserschnitt entbundenes Kind" implizit auf eine therapeutische Wirkung hinweise. Die Kammer befand, dass die enterale Verabreichung an ein per Kaiserschnitt entbundenes Kind lediglich die Art der Verabreichung an den Patienten spezifiziere, nicht aber irgendeine dadurch erzielte therapeutische Wirkung. Der Beschwerdeführer machte geltend, dass die therapeutische Wirkung gemäß T 1020/03 nicht im Anspruch spezifiziert sein müsse, damit dieser als ein auf eine zweite medizinische Verwendung gerichteter Anspruch gelte. Dieser Auffassung konnte sich die Kammer nicht anschließen und erklärte, die Kammer in T 1020/03 habe ausdrücklich festgestellt, dass die weitere medizinische Indikation im Anspruch mit einem gewissen Grad an Genauigkeit beschrieben sein müsse. Da in Anspruch 1 des Hauptantrags überhaupt keine therapeutische Wirkung beschrieben war, handelte es sich um einen auf eine nicht medizinische Verwendung gerichteten Anspruch. Somit beschränkte die Formulierung "zur enteralen Verabreichung an ein per Kaiserschnitt entbundenes Kind" den Anspruch 1 nur insoweit, als sich die Verbindung zur enteralen Verabreichung an Kaiserschnittkinder eignen muss. Diese Eignung war jedoch aus einigen Dokumenten bekannt, weswegen diese für den Anspruch 1 neuheitsschädlich waren.
In T 182/16 war die Zusammensetzung eine Säuglingsnahrung oder Milchnahrung für Kleinkinder, angereichert mit sn-2-Palmitinsäure zur Verbesserung der Körperzusammensetzung im Hinblick auf magere Körpermasse und Muskelmasse. Die Kammer befand wie folgt: Unabhängig davon, dass der Wortlaut von Anspruch 1 die Personengruppe, der die Zusammensetzung verabreicht werden sollte, nicht wirklich auf Säuglinge und Kleinkinder beschränkte, und im Einklang mit T 1278/12 wird durch den bloßen Verweis auf Säuglinge und Kleinkinder keine therapeutische Verwendung impliziert, weil das Füttern von Kindern kein therapeutischer Schritt im Sinne von Art. 53 c) EPÜ ist.
In T 884/23 war der Anspruch auf ein Anreicherungsmittel für Muttermilch zur Verwendung bei der Prävention von viszeraler Adipositas und/oder zur Verringerung des Verhältnisses von viszeralem Fettgewebe zu subkutanem Fettgewebe bei einem menschlichen Frühgeborenen gerichtet. Die Kammer befand, dass die Verringerung des Verhältnisses von viszeralem Fettgewebe zu subkutanem Fettgewebe bei einem Frühgeborenen kein Verfahren zur therapeutischen Behandlung gemäß Art. 53 c) EPÜ darstellt. Sie konnte daher keine Neuheit gegenüber dem Stand der Technik begründen, der eine für denselben Zweck geeignete Zusammensetzung gemäß Anspruch 1 offenbarte.
- T 1396/23
In T 1396/23 the appeal was filed by the opponent against the opposition division's decision rejecting the opposition. The appellant contested the opposition division's finding that the invention defined in claim 1 of the opposed patent was sufficiently disclosed. While the appellant did not dispute that claim 1 related to a medical use and was drafted as per Art. 54(5) EPC, it argued that the effect induced by whey protein micelle complexes (WPM complexes) described in the opposed patent was not therapeutic. According to the appellant, the claimed complexes provided nutrition but were unsuitable to prevent the claimed conditions, even less so to treat them.
The board was not persuaded by the arguments of the appellant. The board referred to the opposed patent, which explained that, prior to the filing date, whey protein isolates were considered not only to be essential nutrients but also to be beneficial in reducing the risk of, and treating, metabolic diseases associated with high-fat diets and/or elevated postprandial insulin levels, such as diabetes. On this basis alone, the board found it reasonable to assume that the claimed WPM complexes, which contained whey proteins, could likewise induce these effects..
The board observed that the opposed patent taught that using the claimed WPM complexes rather than conventional whey proteins was beneficial for subjects who were at risk of or suffered from the diseases indicated in claim 1. The board explained that it was immaterial what the underlying mechanism of action was, and also whether the complexes acted on a specific target and whether a comparator such as whey protein isolate or uncomplexed WPM was explicitly mentioned in claim 1. The skilled person would appreciate that the claimed WPM complexes were intended to be incorporated into a nutritional composition in place of whey proteins in order to achieve the stated therapeutic effect. The board concluded that, in the context of the invention, the claimed compositions comprising WPM complexes could thus be regarded as "a substance or composition" within the meaning of Art. 54(5) EPC that was used to carry out the claimed therapeutic method.